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Landkreis Neu-Ulm

12.06.2020

Er grub die Geschichte des Landkreises Neu-Ulm aus

Richard Ambs hat als Kreisarchäologe schon vieles aus dem Boden geholt und damit die Erkenntnisse um die Geschichte des Landkreises bereichert. Am Ende des Monats will er sein Amt abgeben.
Bild: Alexander Kaya

Plus Richard Ambs gibt nach 35 Jahren sein Amt als Kreisarchäologe ab. Er hat dem Boden im Kreis Neu-Ulm manches Geheimnis entrissen, aber es steckt wohl noch einiges in der Erde.

Beim Wort „Entdecker“ produziert das Gehirn sofort Bilder von verwegenen Menschen, die ferne, noch nicht erforschte Kontinente bereisen, das Abenteuer suchen oder gar in den Himmel vorstoßen. Auch Richard Ambs ist ein Entdecker, obwohl ihm sein Forschungsfeld in der Regel zu Füßen liegt. Es ist der heimatliche Boden, doch der birgt immer noch jede Menge Unbekanntes und Unentdecktes aus vergangenen Jahrhunderten und auch Jahrtausenden. Als Kreisarchäologe hat Ambs dafür gesorgt, dass etliches davon ans Tageslicht geholt wurde. Künftig wird dies jemand anderes übernehmen müssen, denn Ambs gibt zum Ende des Monats nach 35 Jahren sein Ehrenamt als oberster Erforscher des Heimatbodens ab. Doch wer kann diesem Mann nachfolgen, der ein wandelndes Lexikon ist?

Wer mit Richard Ambs über seine große Leidenschaft spricht, der findet sich rasch in fremden Welten wieder, in den Zeiten von Römern, Kelten, Alamannen, den Menschen der Bronze- und der frühen Eisenzeit. Der Mann kann nicht nur darüber reden wie ein Buch, er hat auch vieles darüber geschrieben: Gut 60 Veröffentlichungen umfassen seine Erkenntnisse zur Vor- und Frühgeschichte des Landkreises. Obwohl der Boden der Historie, mit Verlaub, schon intensiv beackert worden ist, bedeckt er noch vieles, das gefunden werden könnte: „Es steckt noch enorm viel drin“, davon ist Richard Ambs überzeugt.

Einmal wurde Richard Ambs der Heinrich Schliemann des Landkreises Neu-Ulm genannt

Doch ein größerer Schatz oder bedeutende Kunstwerke aus Edelmetallen wie Gold und Silber dürften wohl eher nicht darunter sein, auch wenn Ambs schon silberne Schreibstifte aus der Römerzeit oder einen goldenen Ring aus der Erde geholt hat. Altlandrat Erich Josef Geßner nannte Ambs zwar mal den Heinrich Schliemann des Landkreises, doch einen bedeutenden Schatz wie der Entdecker des antiken Troja konnte er hierzulande nicht aus der Erde holen.

Er grub die Geschichte des Landkreises Neu-Ulm aus

Hier im Landkreis finden sich eher Dinge des Alltags oder des Kriegshandwerks, denn das Gebiet des heutigen Landkreises war Provinz – „und zwar in allen Epochen“, erklärt Ambs, „es gab hier keine großen Fürstensitze, sondern vor allem die normale Bevölkerung. Wir waren eher abgelegen“.

Richard Ambs war bei vielen Bauvorhaben im Kreis Neu-Ulm im Einsatz

Trotzdem gibt es auch hier viel zu finden, das die Vergangenheit zumindest ein wenig mehr enträtselt. Für Richard Ambs macht das die Faszination der Archäologie aus: „Man begibt sich auf die Spuren von Menschen, die vor Jahrtausenden gelebt haben, man kann sich in das Leben in der damaligen Zeit hineindenken, indem man die Dinge des Alltags findet. Das ist faszinierend.“

Diese Faszination hatte ihn schon früh im Leben gepackt: „Mein Vater war schuld.“ Aufgewachsen in Kaufbeuren besuchte er mit ihm die Burgruinen des Allgäus, Ausgrabungen der Hallstattzeit (800 bis 450 vor Christus) oder alamannische Ausgrabungen bei Markt Oberdorf. Dort half der junge Richard und fuhr dafür von zu Hause aus mit dem Moped hin. „Das Interesse war geweckt“, erzählt Ambs. In der Stadtbücherei von Kaufbeuren las er alle Bücher zur Geschichte, die er bekommen konnte.

Archäologe entdeckte Funde aus der römischen Kaiserzeit

Als er dann im Schuljahr 1966/67 als Lehrer nach Thalfingen kam, half er auch hier bei Ausgrabungen unter der damaligen Kreisheimatpflegerin für Vor- und Frühgeschichte, Emma Preßmar. Ein aufsehenerregender Fund gelang ihm bei den Ausgrabungen während des Autobahnbaus am Elchinger Kreuz: Er entdeckte die Reste eines fast 3000 Jahre alten Töpferofens. Der wurde übrigens später im urgeschichtlichen Federseemuseum Bad Buchau nachgebaut. Seit 45 Jahren gräbt Richard Ambs im Landkreis ehrenamtlich Historie aus, seit 35 Jahren in leitender Funktion als Kreisarchäologe.

Seither war Richard Ambs immer maßgeblich dabei, wenn Bedeutendes und nicht ganz so Bedeutendes zutage gefördert wurde. Bedeutend war etwa der Fund des römischen Friedhofs bei Unterfahlheim. Dessen Umrisse waren aus der Luft entdeckt worden, denn Bodenveränderungen beeinflussen auch den Pflanzenwuchs. Und so war vom Flugzeug aus gut zu sehen, dass da unter diesem Kornfeld etwas sein musste. Dort entdeckte Ambs als Grabbeigaben die bereits erwähnten silbernen Schreibstifte. Das sei schon „eine tolle Sache“ gewesen. Sehr viel Zeit hat er auch in und an der Lehmgrube der Bellenberger Ziegelei verbracht, die vor dem Tonabbau viele Jahre lang jeweils systematisch erkundet wurde. Dort auf der Hochterrasse über dem Illertal hatten Menschen schon vor fast 4000 Jahren eine Siedlung angelegt. Die jüngsten Funde reichen zurück bis in die römische Kaiserzeit.

Ärger über das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege

Früher wurden Ambs und sein Grabungsteam oft gerufen, wenn bei Bauvorhaben entweder der Verdacht bestand, dass sich auf dem Grundstück ein Bodendenkmal befindet, oder bereits etwas ans Tageslicht geholt worden war. Für ihn war das ein „Dienst an der Bevölkerung“: „Ich bin halt immer gerufen worden.“ Doch das geht nicht mehr. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat nun den Daumen drauf und lässt nur noch professionelle Grabungsfirmen ran – „und das wird für die Bauherren ganz schön teuer“, kritisiert Ambs. Aus Ärger über das Landesdenkmalamt wollte er schon vor Jahren die Brocken hinschmeißen. Er tat es dann doch nicht. Aber jetzt findet er, sei die Zeit gekommen. Zum Ende des Monats will er sein Amt als Kreisarchäologe zur Verfügung stellen. Mit 77 Jahren sei es an der Zeit.

Wer ihm nachfolgt, steht noch nicht fest. Es sollte jemand mit einer gewissen Leidenschaft für das sein, was sich im Untergrund versteckt, jemand mit einem Entdeckerherz. So wie Richard Ambs.

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