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Ulm

25.01.2019

Facebook früher: Ausstellung in Ulm

Handlich wie ein Handy: Kuratorin Eva Leistenschneider zeigt das Stammbuch von Albert Bartholomäus Cramer aus dem frühen 18. Jahrhundert
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Handlich wie ein Handy: Kuratorin Eva Leistenschneider zeigt das Stammbuch von Albert Bartholomäus Cramer aus dem frühen 18. Jahrhundert
Bild: Alexander Kaya

Das Museum Ulm zeigt unter dem Titel „Like me!“ sogenannte Stammbücher. Diese waren vor allem bei jungen Männern beliebt – und für deren Freunde manchmal kostspielig.

Manch Weisheit überdauert die Jahrhunderte: „Durch Adams Ribb und Rebensaft, kommt mancher in groß Ungemach“, so schrieb es ein gewisser Johann Matthäus Altershammer dem Ulmer Patriziersohn 1621 ins Stammbuch. Nicht im übertragenen, sondern im heute kaum mehr bekannten wörtlichen Sinn: Stamm- oder auch Freundschaftsbücher waren zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert ein vor allem bei jungen Männer beliebtes Medium. Dieses ruft das Museum Ulm nun mit einer informativen und unterhaltsamen Ausstellung im Kiechelsaal in Erinnerung: „Like me! Ulmer Freundschaftsbücher aus vier Jahrhunderten“ wird am Freitag, 25. Januar, um 19 Uhr eröffnet.

Die Facebook-Anspielung im Titel ist nicht nur ein Spaß, sondern trifft durchaus den Sinn dieser Büchlein: Tatsächlich spiegeln die Stammbücher das soziale Netzwerk ihrer Besitzer wider. Dabei handelt es sich bei ihnen um ein mobiles Medium, wie Kuratorin Eva Leistenschneider erklärt: „Man selbst hat sich bewegt und hatte so ein Buch bei sich.“ Anders als Frauen waren viele junge Männer in der Frühen Neuzeit durchaus längere Zeit unterwegs: Sie studierten in anderen Städten, bereisten – bei adliger Herkunft und ausreichendem finanziellen Background – auf einer „Grand Tour“ die Länder Europas, gingen als Handwerksgesellen auf Wanderschaft oder zogen als Soldaten in den Krieg. Wobei die (fast immer querformatigen) Freundschaftsbücher vor allem bei Studenten und Adligen beliebt waren, besonders unter Protestanten.

Künstler malten Bilder für die Stammbücher

Für die Ausstellung konnte Kuratorin Leistenschneider in Ulm aus einem reichen Bestand schöpfen: Das Museum besitzt selbst zwar nur ein einziges Stammbuch (und etliche Einzelseiten), das Stadtarchiv verwahrt jedoch ganze 60 komplette Exemplare, viele davon von Patrizier- und Kaufmannsöhnen. Was diese interessant macht, ist vor allem die künstlerische Gestaltung. Denn zusätzlich zu den mehr oder weniger schlauen Sprüchen und Versen, die von den „Friends“ von damals eingetragen wurden, enthalten die Bände oft Bilder, vor allem Zeichnungen, Aquarelle und Gouachen. Diese wurden zumeist nicht von den Schreibern angefertigt, sondern gegen Bezahlung von professionellen Künstlern gestaltet. Für diese wohl keine unwichtige Einnahmequelle.

Das lässt sich etwa an den detaillierten Ulm-Ansichten sehen, die der Maler Christoph Nikolaus Kleemann (1737-1797) für solche Bände anfertigte. Kleemann war Leistenschneider zufolge einer der bekanntesten Ulmer Künstler des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Stadtansichten waren, auch als Erinnerung an die hinter den Büchern stehenden Reisen, besonders beliebt, aber auch religiöse Szenen, Allegorien, Wappen und Satirisches finden sich in manchem „album amicorum“.

Natürlich: Nicht jeder Freund konnte sich ein solches Extra leisten, weshalb auf vielen Seiten nur Text prangt: manchmal Unflätig-Pennälerhaftes („Viele Mädchen sind gemacht / wie der Mond nur für die Nacht“), vor allem aber Bibelstellen, Gedichte, lateinische Sinnsprüche, gelehrte Zitate. „Diß ist meines Lebens Zihl, daß ich stets mehr lernen will“, schrieb der große Ulmer Mediziner Johannes Scultetus einem ungarischen Exulanten 1645 ins Stammbuch. Auch ein Eintrag des idealistischen Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) ist in einem Ulmer Album erhalten. Die eigenen Professoren oder andere Prominente zu den „Freunden“ zu zählen, war offensichtlich erstrebenswert. Wahrscheinlich stand diese Idee sogar am Anfang der Geschichte der Stammbücher: Studenten in Wittenberg begaben sich mit diesen quasi auf Autogrammjagd bei den Herren Reformatoren.

„Like me!“ gibt einen hochinteressanten Einblick in ein heute vergessenes Medium – und erlaubt sich auch einen Exkurs in die recht aufwendige Produktion solcher Bücher; ein englischer Dokumentarfilm zeigt die Herstellung des Marmorpapiers, das als Vor- und Nachsatz verwendet wurde. Die letzte Vitrine schlägt dann den Bogen zum Poesiealbum, das im 19. Jahrhundert das Freundschaftsbuch ablöste – und zunächst bei Frauen, dann vor allem bei Kindern (vor allem Mädchen) populär wurde. Und natürlich soll die Ausstellung die Museumsräume verlassen: Demnächst gibt es sie auch auf Instagram. „Like me!“ ist dann auch eine Aufforderung.

„Like me!“ ist bis 28. April im Kiechelsaal des Museums Ulm zu sehen. Begleitend ist ein Katalog mit vielen Abbildungen erschienen. Er ist im Museum für zwölf Euro erhältlich.

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