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Prozess

22.11.2017

Familienstreit endet mit Schüssen

Vor dem Landgericht Memmingen wurde ein Familienstreit verhandelt.

Ein 38-Jähriger soll auf seinen Schwager gezielt haben. Wegen versuchten Totschlags steht er vor Gericht

Es ist der 1. April 2017, als bei der Polizei ein Notruf eingeht: Eine Frauenstimme ist zu hören – aufgebracht und schrill. Dennoch ist das, was sie sagt, kaum zu verstehen. Denn ihre Worte werden von lauten Stimmen und Schreien durchbrochen. Dann spricht ein Mann ins Telefon: Er sei von seinem Schwager angeschossen worden, sagt er. Seine Stimme ist klar. Er keucht. Alles sei voller Blut. Und dann: „Er hat eine Platzpatrone auf mich abgeschossen.“ Drei weitere Notrufe werden abgesetzt. Als die Polizisten eintreffen, werden sie mit dem Ergebnis eines seit langer Zeit schwelenden Streits konfrontiert.

An jenem Samstag soll sich in einem Mehrfamilienhaus im Raum Vöhringen ein Familiendrama abgespielt haben. Ein damals 37 Jahre alter Mann soll mit einer Schreckschusspistole, die er selbst zu einer scharfen Waffe umgebaut hatte, auf seinen Schwager geschossen haben. Das ebenfalls selbst hergestellte Projektil drang in die Schulter des Familienvaters ein, blieb unterhalb des Schlüsselbeins stecken und verletzte den Mann schwer. Ein zweiter Schuss, den der 37-Jährige abgab, verfehlte den Schwager: Die Kugel schlug durch eine Tür und blieb in einer Wand stecken. Die Notrufe, die sowohl die Beteiligten als auch eine Nachbarin abgesetzt hatten, waren Beweismittel in einem Prozess, der gestern am Landgericht Memmingen begann. Dem heute 38 Jahre alten Angeklagten wird dabei versuchter Totschlag vorgeworfen.

Für den Vorsitzenden Richter Jürgen Hasler ging es an Tag eins der Verhandlung vor allem darum, Umstände und Hergang des Vorfalls zu klären. 17 Zeugen waren geladen – doch nicht alle sagten aus. Sowohl der 29-jährige Geschädigte, der als Nebenkläger auftritt, dessen Mutter als auch die Frau des Angeklagten machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Das Gericht ließ sich den Vorfall von Nachbarn, Polizisten, Medizinern, der Ehefrau des 29-Jährigen, vom Angeklagten und dessen Schwester schildern – und hatte am Ende Aussagen vorliegen, die in ihrem Inhalt weitestgehend übereinstimmten.

Auslöser der blutigen Auseinandersetzung soll eine Kabbelei zwischen den Söhnen des Angeklagten und des Geschädigten gewesen sein. Aus einem Schubser des Sprösslings des späteren Opfers entwickelte sich ein heftiger Streit zwischen den Vätern – zunächst vor, dann in dem Haus, in dem beide Familien wohnen. Die Männer gingen in ihre Wohnungen, um sich zu bewaffnen. „Ich habe mir eine Pistole geholt, weil er mir körperlich überlegen ist“, sagte der Angeklagte im Gerichtssaal. Sein Schwager nahm Pfefferspray und eine Stange mit. Obwohl die Schwiegermutter des heute Angeklagten damals noch versuchte, zu schlichten, trafen die Kontrahenten aufeinander. Die Situation eskalierte.

Die Fragen des Richters, warum er eine Waffe besitze und diese auch abgefeuert habe, begründete der Deutsch-Türke mit seinem Beschützerinstinkt als Ehemann und Vater. Dennoch tue es ihm heute sehr leid, dass er auf seinen Schwager geschossen habe. Nach Angaben der Befragten hatte der heute Angeklagte seinem Kontrahenten außerdem Platzwunden am Kopf zugefügt, als er sich aus dessen „Schwitzkasten“ befreien wollte und mit seiner Pistole auf den Kopf des Schwagers einschlug.

Dass zwischen den Männern bereits seit Jahren ein Streit schwelt, machten die Aussagen der Zeugen deutlich. Der spätere Schütze habe sich durch seinen Schwager immer wieder in seiner Ehre verletzt gefühlt, schilderte ein Polizist, dem der Familienstreit nicht unbekannt war. Bereits im Jahr 2016 war es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen, die vor dem Neu-Ulmer Amtsgericht endete. Das Verfahren wurde damals allerdings eingestellt.

Die Schwester und die Mutter des Angeklagten, die zwar gestern nicht in Memmingen war, deren Aussage aber vorgelesen wurde, beschrieben den 38-Jährigen als liebenden Menschen. Allerdings habe er sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Er sei in sich gekehrt gewesen, habe tagelang nicht das Haus verlassen. Auch Drogen habe er zeitweise konsumiert. Weil der Angeklagte offenbar unter einer psychischen Störung leidet, plädierte auch die Staatsanwaltschaft auf Schuldunfähigkeit. Wie es um den gesundheitlichen Zustand des 38-Jährigen steht, soll der zweite Prozesstag klären.

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