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14.02.2014

Flugblatt erklärt Unschuldigen zum Neonazi

Falsche Behauptungen einer Antifa-Gruppe kosteten einen Pädagogen der Lebenshilfe fast den Arbeitsplatz.
Bild: Alexander Kaya

Wie falsche Behauptungen einer Antifa-Gruppe einen Pädagogen der Lebenshilfe fast den Arbeitsplatz kosten...

Ein Flugblatt wird für Benjamin E. zum größten Albtraum seines Lebens. „Was da im Briefkasten lag, hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war völlig geschockt“, sagt der 36-Jährige aus dem südlichen Landkreis Neu-Ulm. „Achtung: Neonazi in Ihrer Nachbarschaft“, heißt es auf den Zetteln, die seit Mittwoch möglicherweise tausendfach in Senden, Ulm-Wiblingen, Illertissen und Illerkirchberg verteilt worden sind.

Abgebildet ist er selbst, Benjamin E., der als Zimmerer und Arbeitspädagoge für Behinderte bei der Lebenshilfe in Senden arbeitet – für den die Arbeit mit behinderten Menschen „das Allergrößte ist“, der bei Mitarbeitern und Kollegen in der Sendener Behindertenwerkstatt als verlässlich und beliebt gilt. Doch auf dem anonymen Flugblatt werden ungeheuerliche Anschuldigungen erhoben.

Benjamin E., steht da zu lesen, sei ein Hintermann und Strippenzieher der überregionalen Neonaziszene, der im Internet rechtsradikale Propaganda verbreite, mit rechtsradikaler Musik und mit rechtsradikaler Szene-Bekleidung handle. Eine Adresse ist angegeben, der Name seiner Lebensgefährtin. Und vor allem wird eine Verbindung hergestellt zwischen der Arbeit von Benjamin E. bei der Lebenshilfe Senden und den Gräueltaten der Nationalsozialisten gegen Behinderte.

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Der Chef will fristlos kündigen

Die anonymen Verfasser fordern die Leser dazu auf, bei der Lebenshilfe in Senden nachzufassen. „Ich konnte das überhaupt nicht fassen“, sagt Benjamin E., denn: „Mit der rechten Szene habe ich überhaupt nichts am Hut.“ Doch in aller Öffentlichkeit steht Benjamin E. plötzlich als Neonazi da.

Auch sein Arbeitgeber ist höchst alarmiert. Dr. Jürgen Heinz, Geschäftsführer der Lebenshilfe Donau-Iller, ist nach eigenen Angaben von dem Flugblatt „völlig geschockt“. Ein Neonazi, der bei der Lebenshilfe mit Behinderten arbeitet – unvorstellbar. Heinz will Benjamin E. fristlos kündigen. Für Anhänger rechtsradikalen Gedankenguts sei bei der Lebenshilfe kein Platz. Doch vorher nimmt er Kontakt zur Kriminalpolizei auf. Zum Glück für Benjamin E., der, wie sich herausstellt, Opfer einer bizarren Verwechslung geworden war.

„Bei den Anschuldigungen handelt es sich eindeutig um einen Irrtum“, sagt Christian Eckel, Sprecher des Polizeipräsidiums in Kempten. Der Benjamin E., der bei der Lebenshilfe in Senden arbeitet, ist laut Eckel keinesfalls der rechten Szene zuzurechnen. Auch bei der Adresse des vermeintlichen Neonazis haben sich die anonymen Verfasser des Flugblatts getäuscht. Dort wohnen an der Sache gänzlich unbeteiligte Personen.

„Ein unglaublicher Fall von Rufmord“

Auch nachdem ausgeschlossen ist, dass Lebenshilfe-Mitarbeiter Benjamin E. ein Neonazi ist, bleiben die Sorgen für den 36-Jährigen. Er weiß nicht, was von den bösen Anschuldigungen hängen bleibt, ob fanatische Aktivisten gar Angriffe gegen ihn oder seine Familie planen. Sein Chef Jürgen Heinz hat ihm erst einmal freigegeben, damit er sich wieder sammeln kann. Heinz ist froh, dass sich die gemeinen Anschuldigungen gegen einen engagierten Mitarbeiter als falsch herausgestellt haben. Inzwischen hat Benjamin E. neuen Mut geschöpft, will gegen die offenkundige Verleumdung vorgehen. Über seinen Ulmer Rechtsanwalt Thomas Schmid hat er Strafanzeige gegen die unbekannten Verfasser des Flugblatts gestellt, das ihn fast Kopf und Kragen gekostet hätte. Anwalt Schmid spricht von „einem unglaublichen Fall von Rufmord“.

Die Kriminalpolizei ermittelt wegen des Verdachts auf üble Nachrede. Wer hinter der Gruppe „Antifaschistische Aktion“ steckt, die das Flugblatt unterzeichnet hat, sei derzeit noch unbekannt.

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