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Ulm

05.04.2019

"Fluxus" im Museum Ulm: Von wegen lauter Irre

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3 Bilder
Kuratorin Laura Bösl hat für die Schau bemerkenswerte Exponate zusammengetragen – unter anderem Fluxus-Boxen von George Manciunas.
Bild: Alexander Kaya

Da lohnt sich der Besuch: Das Museum Ulm wirft in einer Kabinettausstellung einen erfrischenden Blick auf die Fluxus-Bewegung und ihren verkannten Begründer. Dieser war wohl keine einfache Person.

Mit dem Begriff „Fluxus“ ist es so eine Sache. „Wenn du es definieren kannst, ist es kein Fluxus“, brachte es der Dichter Emmett Williams auf den (Nicht-)Punkt. Versuchen darf man es trotzdem: Die internationale Kunstbewegung Fluxus war vor allem ein respektloser Angriff auf den bürgerlichen Kunstbegriff und auf den Geniekult, versuchte die Grenze zwischen Kunst und Alltag einzureißen. Wichtigstes Mittel dafür waren Performances, aber auch grafische Arbeiten spielten in der Bewegung eine wichtige Rolle. Diesen, oft vernachlässigten Aspekt erhellt das Museum Ulm in einer so informativen wie unterhaltsamen neuen Kabinettausstellung. Gleichzeitig ist die von Laura Bösl kuratierte Schau auch ein Porträt des verkannten Fluxus-Begründers George Maciunas (1931-1978), in dessen Leben sich die Widersprüche der Bewegung spiegeln.

„Fluxus“, wie die Ausstellung kurz und knapp betitelt ist, enthält vor allem ausgewählte Arbeiten aus dem Nachlass des 2019 verstorbenen Filmemachers Jonas Mekas, einer prägenden Figur des amerikanischen Avantgarde-Kinos. Mekas wurde wie Maciunas in Litauen geboren und war ein enger Freund des Fluxus-Theoretikers. Dem Museum zur Verfügung gestellt hat die Exponate der New Yorker Sammler Merrill C. Berman. Museumsvolontärin Bösl, seit dem Studium eine Fluxus-Kennerin, musste allerdings viel Arbeit investieren: Der umfangreiche Bestand war zuvor kaum gesichtet, geschweige denn ausreichend katalogisiert worden.

Die Mühe hat sich gelohnt, denn die Schau rückt die eher lose Bewegung weit weg vom lange Zeit gängigen Klischee, dass hinter Fluxus ein Haufen Irrer steht. Richtiger ist wohl, in ihr eine Aktualisierung der Dada-Idee der Vorkriegszeit zu sehen, die ganz ähnliche Ziele verfolgte, und sie im politischen, aber auch ästhetischen Kontext der 60er- und frühen 70er-Jahre zu verstehen. Die grafische Gestaltung von Plakaten und Druckwerken aus dem Fluxus-Universum zeigt das: Cover für Jazz- und Rock-Platten sahen damals ähnlich aus. Es ging schließlich darum, Kunst für jedermann zugänglich und auch erschwinglich zu machen. Und sei es als bedruckte Kochschürze. Aber natürlich lohnt sich der genaue Blick auf das, was da gerahmt und in Vitrinen zu sehen ist, schließlich zeigen sich dort Verspieltheit und Humor: eigene Fluxus-Briefmarken, skurrile Handlungsanweisungen für Performances (etwa die, ein Saxofon-Solo mit der Trompete zu spielen), Beschreibungen von seltsamen Sportarten.

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Bei Fluxus dabei waren Künstler wie Yoko Ono oder Joseph Beuys

Viele Künstler, die mit der nach dem lateinischen Wort für „fließen“ benannten Kunstbewegung assoziiert werden, kommen in der Ausstellung – und sei es nur als Namensnennung auf einem Plakat vor: Yoko Ono natürlich, aber auch Nam June Paik, Joseph Beuys, Ben Vautier, George Brecht oder Wolf Vostell. Alle kreisten aber, zumindest eine Zeit lang, um George Maciunas, den Vordenker und Visionär, der gleichzeitig aber auch dazu neigte, „seine“ Künstler für seine Zwecke zu vereinnahmen und – wenn sie nicht nach seinen Regeln spielten – auszuschließen. Maciunas, der zeitweise als Grafiker für die US-Airforce in Wiesbaden arbeitete und doch mit sowjetischen Kollektivierungsideen sympathisierte, begründete mit seinen „Fluxhouse Cooperatives“ die New Yorker Künstlerkolonie mit, wollte aus Fluxus aber auch einen multinationalen Konzern formen. Schon früh gab es Zerwürfnisse in den Fluxus-Kreisen, manche, wie Robert Morris, distanzierten sich sogar schriftlich von Maciunas, der sogar die ständigen kommerziellen Misserfolge seiner Aktivitäten manchmal als gutes Zeichen verstand. „Die Sache begann schnell extremistische Züge anzunehmen“, sagt Kuratorin Laura Bösl.

Maciunas war oft manisch, ein Radikaler im Guten wie im Schlechten, ein Humorist und ein Choleriker, ein Mann, der immer wieder scheiterte und doch weitermachte – ein tragischer Held bis zu seinem frühen Tod 1978. Im selben Jahr hatte er seine Freundin bei einer „Fluxus Wedding“ geheiratet. Das Paar tauschte nicht die Ringe, sondern die Kleidung. Die Ausstellung, die umfangreiche Wandtexte aufweist, ist voll mit Geschichten wie diesen, und würdigt eindrucksvoll George Maciunas. Dieser freilich würde die Schau trotzdem nicht mögen, vermutet Kuratorin Bösl. „Er wäre entsetzt, dass er überhaupt im Museum gezeigt wird.“

„Fluxus“ läuft bis 7. Juli 2019.

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