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Ulm/Neu-Ulm

22.01.2019

Foodsharing: Damit Essen nicht im Abfall landet

Bild: Felix Oechsler

Plus 40 Tonnen Lebensmittel haben die Ehrenamtlichen von Foodsharing in Ulm und Neu-Ulm gerettet. Bei ihren Einsätzen brechen sie auch mal mit Grundsätzen.

Manchmal sind die Brotkisten übereinandergestapelt so hoch, wie ein Erwachsener groß ist. So viele Brote und Brezen, Semmeln und Schnecken können an einem Tag übrig bleiben. Denn die Regale beim Bäcker sollen bis 18 Uhr voll sein, die Kunden wollen eine große Auswahl bis zum Schluss. Jeden Dienstag, Freitag und Samstag holen Essensretter die Reste in einer Bäckerei ab. Auch, wenn sich kein Käufer findet – weggeworfen werden soll das Essen auf keinen Fall. „Ich bin so aufgewachsen. Schon meine Oma hat nie einen Krümel Brot weggeworfen“, sagt Britta Bayer. Die Ulmerin ist eine von rund 60 aktiven Foodsavern, die Gekochtes und Ungekochtes von Betrieben in Ulm und Neu-Ulm abholen, um es vor der Mülltonne zu retten.

Lesen Sie auch den Kommentar: Foodsharing: Jeder kann etwas tun gegen Verschwendung

Ihre Einsätze stimmen die Freiwilligen auf dem Internetportal foodsharing.de ab. Das Team ist bunt gemischt: Studenten, Berufstätige, Rentner. Rund 3000 Mal hat das Ulmer Team seit seiner Gründung Essen abgeholt. 40 Tonnen Lebensmittel haben sie nach eigener Zählung vor dem Müll gerettet. Darunter sind Backwaren, Obst und Gemüse von Bauern aus der Region – und fertige Gerichte, die in einer Schulmensa oder in einem Lokal übrig bleiben. Wer Foodsaver werden will, muss sich auf dem Internetportal registrieren und ein Quiz lösen. Es besteht aus Fragen rund ums Essen und Verhaltensregeln beim Retten von Lebensmitteln. Britta Bayer hat das Quiz beantwortet, die Regeln gelernt. Seit einem Jahr ist sie als Foodsaverin unterwegs. Und hat begonnen, bisweilen eine andere Regel zu brechen. Bayer lebt vegan. Doch bevor gerettete Lebensmittel weggeworfen werden, isst die Ulmerin sie trotzdem. „Mir tut es weh, Essen in den Müll zu schmeißen“, bekennt sie. Für Bayer bedeutet der richtige Umgang mit Lebensmitteln, die Schöpfung wertzuschätzen. Seit sie als Foodsaverin unterwegs ist, kauft sie kaum mehr ein, ernährt sich saisonaler und hat neue Gemüsesorten kennengelernt: Puntarella, eine Art Chicorée und Kalette, eine Kreuzung aus Grün- und Rosenkohl.

Foodsharing: Lebensmittel retten in Ulm und Neu-Ulm

Auch Anne Landhäußer ist Essensretterin in Ulm, auch sie lebt vegan. Strenger als Britta Bayer. Wenn Landhäußer Speisen mit tierischen Bestandteilen abholt, reicht sie die in ihrem Netzwerk weiter. Solche Netzwerke hat jeder der Foodsaver. Denn keiner kann alleine kistenweise Brot essen. Oder 50 Gerichte, die bei einem Caterer übrig geblieben sind. Oder 50 Kilo Bananen. Auch nicht, wenn Foodsaver große Gefrierschränke haben und viel Fantasie beim Kochen. „Wir erreichen viele Leute in Ulm und Neu-Ulm“, sagt Landhäußer. Ihr geht es darum, dass Rohstoffe nicht verschwendet werden. „Ich finde Nachhaltigkeit ein unglaublich wichtiges Thema. Ich finde es unglaublich traurig, wenn Ressourcen in etwas gesteckt werden, das dann in den Müll geschmissen wird“, sagt Landhäußer.

16 Betriebe arbeiten mit den Essensrettern zusammen, bei zehn von ihnen gibt es regelmäßige Abholungen zu festen Zeiten – darunter das Café Brettle und Albrecht Catering.

Foodsaver erleben viele Überraschungen

Manche der Foodsaver haben sich ein Netzwerk an Bedürftigen aufgebaut. Andere verteilen Semmeln am Alten Friedhof oder am Karlsplatz in Ulm, wo sich Trinker und Obdachlose treffen. Doch Anne Landhäußer betont: „Wir wollen uns nicht anmaßen zu entscheiden, wer bedürftig ist.“ Eiserner Grundsatz beim Foodsharing ist: Essen darf nicht weggeworfen werden. Es soll gegessen werden, egal, von wem. Deshalb arbeiten manche Betriebe nicht mit den Foodsavern zusammen. Sie wollen, dass ihre Speisen bei denen landen, die sie am dringendsten benötigen. Umgekehrt beliefern die Essensretter nur sporadisch die Bahnhofsmission oder Obdachlosenunterkünfte. Sie haben schlicht viel zu viel Essen, als dass es diese Einrichtungen verwenden könnten. Die Tafeln wiederum dürfen keine gekochten Gerichte annehmen. Deswegen kooperieren viele Caterer und Gastronomen mit Foodsharing.

Das, was die Essensretter nicht sofort weitergeben können, verteilen sie auf andere Weise. Manche veröffentlichen auf Facebook, wo Ulmer und Neu-Ulmer was abholen können. Andere legen die Speisen in Schränken ab, die sich Fair-Teiler nennen. Dort kann sich bedienen, wer möchte. Im Schrank im Haus der Begegnung sei alles nach wenigen Stunden abgeholt, berichtet Landhäußer.

Wer als Essensretter unterwegs ist, erlebt Überraschungen. „Für mich ist jede Abholung so etwas wie Weihnachten“, sagt Anne Landhäußer. „Man weiß nie, was es gibt.“ Und Britta Bayer erzählt, wie es ist, Brot in der Fußgängerzone zu verteilen: „Manche freuen sich total, andere sehen uns abfällig an. Die Leute sind es nicht mehr gewohnt, dass sie etwas geschenkt bekommen.“

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