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Ulm

30.05.2015

"Für Neid gibt es keinen Anlass“

Der Turm des Ulmer Münsters misst 161,53 Meter.
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Der Turm des Ulmer Münsters misst 161,53 Meter.
Bild: Alexander Kaya

Michael Hauck ist Dombaumeister in Köln. Sein Arbeitsplatz ist das zweithöchste Kirchengebäude Europas. Ein Gespräch über den Weltrekordhalter aus Ulm.

Zum „Tag des Turms“ blickt die Republik auf Ulm und den höchsten Kirchturm der Welt. Die Riesenkirche schlägt den berühmten Kölner Dom um wenige Meter. Ein Gespräch mit dem Kölner Dombaumeister Michael Hauck über Neid, menschlichen Ehrgeiz und unvorstellbare Utopien.

Herr Hauck, das Ulmer Münster ist genau 4,15 Meter höher als der Kölner Dom. Neidisch?

Hauck: (lacht) Nein, für Neid gibt es keinen Anlass. Es sind beides herausragende Ergebnisse einer Bautätigkeit, die uns bis heute immer wieder in Erstaunen versetzt. Über 4,15 Meter reden wir nicht hin oder her. Das ist eben immer der Versuch – der ist ja durchaus menschlich – etwas ganz Besonderes zu bewerkstelligen, etwas, was es in der Form noch nie gegeben hat.

Wie kam es denn zu dem Unterschied? Ein irdischer Wettbewerb wie bei Wolkenkratzern? Oder war da der schwäbische Fleiß am Werk?

Hauck: Das ist einfach der Ehrgeiz des Baumeisters. Der Kölner Dom war ja nur wenig vorher vollendet, rund zehn Jahre. Man muss auch immer die Zeit bedenken, das 19. Jahrhundert, die Zeit des Aufbruchs, Industrialisierung. Dass man da zeigen will, was man kann, ist doch klar. Und gerade für Baden-Württemberg gibt es ja den schönen Spruch „Wir können alles außer Hochdeutsch“.

Die Menschen wollten dem Himmel damals vielleicht auch so nahe wie möglich sein. Die Religion verliert heute aber an Boden. Was bedeuten diese monumentalen Kirchenbauten noch für die Menschen?

Hauck: Das sind Leuchttürme, die aus der Vergangenheit in unsere Zeit wirken. In der jeweiligen Bevölkerung haben diese Bauwerke ein unglaubliches Identifikationspotenzial, aber jenseits konfessioneller Grenzen. Das ist einfach ein Stück Heimat, mit dem man sich identifiziert und das ein Alleinstellungsmerkmal hat. Das wird in einer Welt immer bedeutsamer, in der viele Dinge einfach austauschbar werden und man gar nicht mehr in Jahrhunderten denkt. Das ist ja auch so eine Dimension, die wir heute kaum noch verstehen: Dass jemand ein Bauwerk beginnt, von dem er weiß, dass er das Ende nie erleben wird. Da wird eigentlich ganz selbstlos agiert zu einem Zweck, der sich jenseits eines menschlichen Lebens bewegt. Das ist heute ganz anders. Heute werden die größten Bauwerke in vier, fünf Jahren in die Höhe geschossen – wenn man mal vom Berliner Flughafen absieht.

Der Job eines Dombaumeisters ist doch sicher auch eine Sisyphos-Arbeit, die nie endet, oder? Ist das nicht zutiefst unbefriedigend?

Hauck: Nein, überhaupt nicht, zu dieser Arbeit gehört ein Stück Demut dazu. Auch Demut, was gestalterische Freiheit betrifft. Wir können da ja nicht machen, was wir wollen. Wir wollen diese Bauwerke ja erhalten und möglichst wenig verändern, sie möglichst authentisch weitergeben in eine Zukunft. Langweilig wird es trotzdem nie. Wir unterliegen heute ja ganz anderen Herausforderungen. Was uns mit unseren Kollegen aus der Bauzeit verbindet, ist auch heute noch die Verbindung von Tradition und High-Tech. Die Leute damals waren echte Avantgardisten. Die haben Dinge ausprobiert, die wurden noch nie gemacht. Der Fassadenriss des Kölner Doms zeichnet die Türme Ende des 13. Jahrhunderts vor. Als die dann fast 600 Jahre später gebaut sind, sind sie dann noch eines der höchsten Gebäude der Welt. Das muss man sich mal vorstellen, was das für eine Utopie ist – sich um 1290 so was zu überlegen.

Das Ulmer Münster überstand die Bomben des Zweiten Weltkriegs weitgehend unbeschadet. War das schieres Glück oder höheres Wirken?

Hauck: Man kann nicht von der Hand weisen, dass das ein Wunder ist. Das betrifft den Kölner Dom ja ganz genauso. Wenn Sie sich Aufnahmen anschauen, wo ringsum nur noch Schutt und Asche ist – und der Bau steht. Die Bautechnik war auch flexibel und weich, sodass sie bestimmte Erschütterungen mitgemacht hat. Auf dem Kiesbett von Donau oder Rhein steht so ein Bau wie auf einer Rollierung. Dann kann er so ein bisschen hin- und herrollen, bildlich gesprochen. Das ist das Geheimnis dahinter. Wobei: Ich kann es irgendwie anders gar nicht glauben, dass – da diese Bauwerke die Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs überlebt haben – nicht noch was anderes im Spiel war als die blanke Technik.

Interview: Nico Pointner, dpa

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