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Ulm

22.09.2014

Funksprüche aus dem Bühnenkosmos

Auf statt hinter der Bühne: Theaterintendant Andreas von Studnitz in dem Monolog „Event“.
Bild: Jochen Klenk

Intendant Andreas von Studnitz liefert mit „Event“ ein imposantes Solo in für die Zuschauer ungewohnter Umgebung

Bereits nach 25 Minuten sagt der Mann mit sanfter Stimme: „Sie können gehen oder bleiben.“ Er trifft Vorsorge in diesem Stück, das praktisch ohne Handlung auskommt. Doch bis auf eine Premierenbesucherin, die durch den Klingelton ihres Handys beinahe in Panik gerät, bleibt das Publikum ruhig auf seinen schwarzen Bühnenbänken sitzen. Zur Kulturnacht hat das Theater Ulm den „Event“-Monolog des US-amerikanischen Dramatikers John Clancy aufgelegt. In Nilufar K. Münzings Studio-Inszenierung im Großen Haus zeigt der schauspielende Intendant Andreas von Studnitz ein imposantes Theatersolo mit philosophischem Tiefgang.

Durch den Erste-Hilfe-Raum im ersten Stock wird das Publikum von freundlichen Theaterleuten in einen temporären Zuschauerraum geleitet. Dieser – eigentlich das Bühnenbild für den Schiller-Klassiker „Kabale und Liebe“, der am 2. Oktober Premiere in Ulm hat – wurde von Marianne Hollenstein in dunkelblauen Farben gestaltet. Gleißendes Licht blendet das Publikum.

Dann fällt Dunkelheit über einen leisen Flirrton. Doch zügig öffnet sich der Blick für die Weite des eigentlichen Zuschauerraums, den eine einsame Gestalt in einem der 815 Sessel noch menschenleerer macht. Der Mann im dunklen Jackett und schwarzer Fliege schaut reglos Richtung Publikum, das gespannt auf der ansteigend präparierten Theaterbühne sitzt und schlendert alsbald zu seinem Denkspiel vor die „fremden Menschen“, welches Theaterleben dekonstruiert und Gefühle in serielle Wort- und Textabläufe presst: analytisches Metatheater, das mit realistischen Konventionen bricht.

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Im ironischen Erzählton entpuppt sich die Ulmer Produktion in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel ebenso als genüssliche Entlarvungs-Farce wie doppelbödige Reflexionskiste oder melancholische Gesellschaftsschelte. Im 21. Jahrhundert, da zeige sich eine „öffentliche Schizophrenie“. Außerhalb dieses absurden Weltendramas wird der – natürlich schweigende – Theater-Beleuchter im internen Realismus des Monologs zum fiktiven Prügelknaben. Der Titel des Stücks verbiegt sich dabei durch die Verballhornung von spektakulär, bleibt aber im Sinne von Ereignis originär.

Andreas von Studnitz transportiert in der Ein-Mann-Rolle des Schauspielers die Clancy’schen „Funksprüche“ als distinguierter Theaterflüsterer in der dritten Person, pointenscharfer Witzemacher, zeternder Parodist und sarkastischer Schlafliedsänger.

Und wenn er schließlich nach gut 70 Minuten Kopfgeburten in seiner spiegelverkehrten Arena zwischen drei spiegelnden Lichtschleusen und Publikumsforum zum kontrollierten Weitwurf ausholt, dann wird der von der Decke baumelnde Messing-Gong, der zuvor schon als Schutzschild und kecker Hut herhalten musste, zur kosmisch kreiselnden Freiheitsmetapher katapultiert.

Dieser Befreiungsschlag wirkt nach Clancy wie pure Energie im Chaos – wie der Versuch eines „seltenen Augenblicks von Sinngebung“. Oder?

Nächste Vorstellung am Samstag, 4. Oktober sowie Samstag, 18. Oktober, jeweils um 22 Uhr im Großen Haus.

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