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14.06.2009

Gedemütigt, ausgenutzt, zerbrochen

Ulm "Schwabenkinder" - hinter diesem verfälschenden Begriff verbergen sich dramatische Geschichten. Seit dem 15. Jahrhundert verkauften arme Tiroler Bauern für ein Hungergeld ihre Kinder als Arbeitskräfte ins Schwabenland. Im Schwabenland waren sie durch Misshandlung, Demütigung, Vergewaltigung bedroht.

Von dieser dunkelsten Facette der "Schwabenkinder" berichtet das aufwühlende Theaterstück der 1983 geborenen Autorin Ann-Christin Focke: "Himmel sehen". Der Blick zum Himmel ist für die beiden Tiroler Mädchen Charlotte (Isabel Janik) und Anna (Angela Grandjean) der einzige Weg, mit dem Heimweh fertig zu werden.

Feine Dame hat unfeine Manieren

Als Dienstmädchen verkauft, kommt Lotte zu einem "Saubauern", wo Schläge und harte Arbeit ihr täglich Brot sind. Anna glaubt, es besser getroffen zu haben: Als Dienstmagd kommt sie bei einer Baronin (Luisa Bayer) unter. Doch die feine Dame hat unfeine Manieren: Sie demütigt Anna, wo sie nur kann und offenbart regelrecht sadistische Züge, wenn sie Anna fortwährend sagen lässt: "Mein Vater kann seine Kinder nicht ernähren, meine Mutter kümmert sich nicht um ihre Kinder". Lustvoll kostet die Baronin ihre überlegene Stellung aus. Doch das Bild kippt. Es gibt einen guten Grund für die Bosheit der Baronin. Eine Bosheit, die einer zutiefst verwundeten Seele entspringt, die einst selbst schwerste Demütigung einstecken musste.

Gedemütigt, ausgenutzt, zerbrochen

Die Inszenierung des Jugendclubs der AdK unter Regie von Mahela Wiedner berührt durch das erschütternde Thema, durch die jähe Wendung, die die Geschichte ins Tragische nimmt, wie auch die aufrichtigen, talentierten Jungdarstellerinnen. Besonders fordernd ist hier die Rolle der Baronin, deren Lebensdrama sich vor dem Publikum enthüllt. Diesen Part meisterte Luisa Bayer hervorragend. Intensität erzielt die Inszenierung auch durch Szenen, die sich erst am Schluss erklären: Aus den um die Säulen angebrachten Texten wischt die Baronin manisch die Buchstaben aus - Buchstaben und Worte, die die Schwabenkinder-Geschichte erzählen. Charlotte bringt diese Buchstaben wieder ans Licht - während die Baronin, von Anna gedrängt, ihre eigene Geschichte entschleiert.

Ein abgeschlossenes Kapitel

Die Geschichte der "Schwabenkinder" ist ein glücklicherweise abgeschlossenes Kapitel. Doch nicht alle Kinder kehrten - wie auch "Himmel sehen" thematisiert - in die Heimat zurück. Viele blieben in Schwaben - als Knechte, Dienstboten, manche auch als Ehepartner. Auch in unserem Umkreis gibt es solche Geschichten - die es wert wären, einmal erzählt zu werden.

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