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Ulm/Neu-Ulm

25.04.2019

Gefangene, Mutter, Kämpferin: Mesale Tolu erzählt

Mesale Tolu hat ihr Buch „Mein Sohn bleibt bei mir!“ im Club Orange vorgestellt.
Bild: Samuel Tschaffon

Die Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu hat ihre Geschichte in einem Buch aufgeschrieben. Im Club Orange gibt sie sehr persönliche Einblicke.

Immer wieder hat die Neu-Ulmer Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu von ihrem Schicksal erzählt: Von der Verhaftung mitten in der Nacht, von der Zeit im Gefängnis, von den Schauprozessen. Jetzt hat die 34-Jährige alles aufgeschrieben, am Dienstag ist ihr knapp 190 Seiten starkes Buch „Mein Sohn bleibt bei mir!“ erschienen.

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Alles aufgeschrieben? Ihr Vater Ali Riza Tolu winkt ab. „Dann würden 1000 Seiten nicht reichen“, sagt er. Wie seine Tochter aus ihrem Leben, von den Erniedrigungen und den brutalen Erfahrungen berichtet, empfindet Ali Riza Tolu als „bewegend“. Dieses Wort nimmt am Mittwochabend im Club Orange fast jeder in den Mund. Mesale Tolu und die Ulmer Volkshochschule haben zur offiziellen Vorstellung ihres Buches eingeladen. Tolu liest: „Dunkel gekleidete Männer mit schwarzen Masken vor dem Gesicht schoben sich in den Flur, zwei richteten ihre Maschinengewehre auf mich. Die Ziellampen an ihren Gewehren blendeten in der Dunkelheit meine Augen.“ Die Frau schildert in ihrem Buch, wie ihr Sohn Serkan, damals gerade einmal knapp zweieinhalb Jahre alt, aus dem Schlaf gerissen wird und schluchzend zu ihr läuft.

Mesale Tolu berichtet von der Haft in der Türkei

Zwischen den Abschnitten, die sie zitiert, spricht Mesale Tolu über Hintergründe und Zusammenhänge. Sie betont: „Das ist eine Nacht, die viele Menschen in der Türkei erleben. Das ist wirklich keine Ausnahme.“ Die vielen Einzelheiten stammen aus Briefen an ihren Mann und aus Sprachaufzeichnungen, die sie mit dem Handy aufgenommen hat, berichtet die Neu-Ulmerin im Gespräch mit unserer Redaktion.

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Mehr als 100 Zuhörer sind ins Einsteinhaus gekommen, unter ihnen viele Unterstützer Tolus. Ihren Einsatz hebt die Neu-Ulmer Journalistin hervor. Ohne die lautstarke Solidarität wäre sie nicht freigekommen, glaubt Tolu. „Ich habe auch andere Beispiele gesehen“, sagt sie.

Ihr kleiner Sohn lebte mit Mesale Tolu im Gefängnis

„Mein Sohn bleibt bei mir!“ ist ein emotionales und persönliches Buch. Das wird deutlich, als Tolu schildert, wie sie Serkan zu sich ins Gefängnis holte – und warum. Zunächst hatte ihr Kind bei seiner Tante in Neu-Ulm gelebt. Doch dann erfuhr die Mutter, wie es dem Kleinen ging: „Serkan ist verstört, er redet kaum, und wenn, dann stottert er. Er ist oft wütend, schimpft ständig und weist jeden ab. Außerdem isst und schläft er schlecht.“

Lesen Sie auch: Mesale Tolu: "Gehe von einer Haftstrafe aus"

Das seelische Heil ihres Kindes sei ihr wichtiger gewesen als alles andere, erklärt Tolu. Darum habe sie sich entschieden, Serkan ins Gefängnis zu holen. Dort lebt das Kind fünfeinhalb Monate lang. Bis es versteht, dass seine Mutter da nicht hinausgehen darf, dass sie ihn nicht absichtlich alleine lässt. So beschreibt es Mesale Tolu.

Mesale Tolu stellt ihr Buch in Ulm vor

Während sie von den brutalen Erfahrungen berichtet, bleibt die Frau äußerlich ruhig. Nur einmal bricht ihre Stimme, Mesale Tolu ist den Tränen hörbar nah. Sie beschreibt den Unfall, bei dem ihre eigene Mutter ums Leben kam. Sie selbst sei gerade einmal sechs Jahre alt gewesen und habe das Gefühl gehabt, nicht mehr ganz zu sein. „Ich hatte Angst, dass mein Sohn ein unvollkommenes Leben hat“, sagt Mesale Tolu. Im Club Orange ist es still, dann bricht Beifall aus. Serkan, berichtet sie später, habe die Zeit unbeschadet überstanden. „Es geht ihm wirklich gut.“

„Als politische Geisel in türkischer Haft – und warum es noch nicht zu Ende ist“, hat die Neu-Ulmerin ihr Buch untertitelt. „In der Türkei hat sich die Lage nicht geändert“, begründet Tolu. Darauf will sie aufmerksam machen – und anderen Mut geben.

„Mein Sohn bleibt bei mir!“ von Mesale Tolu ist im Verlag Rowohlt Polaris erschienen und kostet 13 Euro.

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