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Ulm

09.05.2019

George Benjamin: „Ich schreibe, was ich selbst hören will“

„Ich liebe es auch, wenn andere Menschen meine Musik spielen.“Er komponiert – und dirigiert oft auch selbst: George Benjamin, hier bei einem Auftritt in Madrid.
Bild: Javier del Real/dpa

Komponist George Benjamin besucht die Premiere seiner Oper „Written on Skin“ im Theater Ulm.

Herr Benjamin, „Written on Skin“ ist eine der erfolgreichsten neuen Opern der Gegenwart. Können Sie sich diesen Erfolg erklären?

Nein. Ich habe das Glück, mit Martin Crimp (der das Libretto schrieb, d. Red.) einen wundervollen künstlerischen Partner zu haben, mit Aix-en-Provence einen großartigen Ort für die Uraufführung, dazu ein großartiges Ensemble und ein tolles Orchester. Die Bedingungen der Premiere waren nahezu ideal, was für ein Werk wirklich wichtig ist. Ich habe mein Bestes getan, ich liebe die Oper und habe 35 Jahre Erfahrung in meine erste große Oper gesteckt.

„Written on Skin“ kommt auch bei einem Publikum an, das als recht konservativ gilt. Wie haben Sie das geschafft?

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Ich denke über solche Dinge nicht sehr viel nach, ich schreibe, was ich selbst hören und sehen will, und ich versuche dabei, eine große Palette von Klängen und Techniken zu verwenden. Zum einen liegt es vielleicht daran, dass ich den Gesang liebe, und will, dass er in den Orchesterklang eingebettet ist. Ich komponiere keine konventionell tonale Musik, meine Musik ist polyrhythmisch und polyharmonisch. Ich mache also keine Kompromisse, um meine Musik zugänglich zu machen. Zum anderen ist „Written on Skin“ inhaltlich zwar überhaupt nicht einfach oder naturalistisch, doch es erzählt eine klare, menschliche Geschichte. Aber letztlich ist es für mich eine glückliche Fügung, dass das Publikum meine Oper mag und sogar von ihr bewegt wird.

Das Libretto basiert auf einem okzitanischen Text aus dem 13. Jahrhundert, der Legende eines Troubadours. Denken Sie, dass mittelalterliche Texte wie diese eine Kraft haben, die denen der Gegenwart fehlt?

Da gibt es keine Regel, für manche Komponisten wäre die Idee einer mittelalterlichen Vorlage absurd. Aber Martin und mich hat dieser magische Text sehr berührt, aber nicht, weil es uns um eine Flucht aus der Gegenwart ging, sondern um ein klareres Licht auf sie zu werfen. Durch die zeitliche Entfernung der Geschichte spricht sie uns auf eine universellere Weise an. Eine Oper, die sich sehr zeitspezifischen Themen widmen würde, zum Beispiel Trump oder dem Brexit, könnte das nicht. Wobei ich so eine Oper lieber nicht schreiben möchte!

Bei der Uraufführung in Frankreich und danach dirigierten Sie selbst, bei späteren Produktionen mussten Sie das Pult anderen überlassen. War es schwer loszulassen?

Natürlich ist es das! Vor allem wenn man, wie ich, besessen von Details ist. Mir fällt das Komponieren nicht leicht, ich schreibe nicht schnell, und ich versuche bei der Arbeit auch ein hohes handwerkliches Niveau zu halten. Deswegen ist es für mich sowohl eine Freude als auch eine Herausforderung, meine eigenen Werke zu dirigieren. Ich liebe es. Aber ich liebe es auch, wenn andere Menschen meine Musik spielen. Wenn sie es gut tun! So wie Kent Nagano bei der deutschen Erstaufführung meiner neuen Oper „Lessons in Love and Violence“ vor einem Monat in Hamburg.

Sie sind speziell in Deutschland ein gefragter Komponist, bereits einige deutsche Theater hatten „Written on Skin“ auf dem Spielplan. Warum liebt Sie Deutschland so sehr?

Es berührt mich wirklich, dass Sie das sagen! Ich habe in Deutschland mehr dirigiert als in allen anderen Ländern, Ihr Land hat mir immer einen warmen Empfang bereitet. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Deutschland in Sachen Musik ein Gigant ist, mit so vielen Spitzenstandorten: Köln, München, Hamburg, Berlin, Stuttgart – und natürlich Ulm! (lacht) Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Arbeit in Deutschland eine Plattform bekommt.

Waren Sie denn schon einmal in Ulm?

Ich habe Kay Metzgers Inszenierung in Stockholm gesehen, ich habe sehr gute Erinnerungen an diesen Abend. In Ulm war ich aber noch nicht. Und ich werde leider nur etwa 18 Stunden da sein, weil ich am nächsten Tag nach Lyon fahren muss, zu den Endproben der französischen Premiere „Lessons in Love and Violence“. Aber ich weiß, dass Albert Einstein aus der Stadt kommt. Und ich sollte auf jeden Fall das Ulmer Münster besichtigen, nicht wahr?

Das sollten Sie! Und wenn das Wetter mitspielt, könnten Sie noch einen Spaziergang durch die Altstadt zur Donau machen.

Das werde ich hoffentlich am Freitagmorgen noch schaffen. Ich freue mich auf Ulm!

Interview: Marcus Golling

Der Komponist, Dirigent und Pianist George Benjamin wurde 1960 in London geboren. Er studierte unter anderem bei Olivier Messiaen am Pariser Konservatorium, Benjamin selbst lehrte am King’s College in London. Seine erste Oper „Written on Skin“ wurde 2012 beim Festival d’Aix-en-Provence in Südfrankreich uraufgeführt.

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