Ulm

18.10.2017

Grimm in Schlimm

Da werden nicht nur die Zwerge müde: „Schneewittchen“ im Großen Haus ist nicht nur langweilig, sondern auch sonst misslungen. Immerhin: Die Puppen der sieben Zwerge sind nett anzusehen.
Bild: Ilja Mess

Weihnachtsmärchen ohne Charme und Witz: Andreas von Studnitz’ Inszenierung von „Schneewittchen“ am Theater Ulm ist ein Stück zum Wegschauen – und Weghören.

Der Ulmer Theaterintendant hat in seinem Leben schon einige Rollen gespielt. Für seine neueste muss er noch nicht einmal auf der Bühne stehen: Andreas von Studnitz ist: der Grinch. Wer ihn nicht kennt: Er ist eine fiese Kreatur, die den Menschen das Weihnachtsfest stehlen will. Auf den Spuren des Kinderbuch- und Kinobösewichts bewegt sich von Studnitz als Regisseur von „Schneewittchen“. Denn das diesjährige Weihnachtsmärchen am Theater Ulm ist auf so vielen Ebenen misslungen, dass man es als Angriff auf das Fest der Liebe werten darf, ja muss.

Es dauert keine Minute, bis man als erwachsener Zuschauer ahnt, dass einem einer der längsten Stunden des Lebens bevorsteht. Denn schon die vom Regisseur gewählte Form macht einen ratlos: „Schneewittwchen“ ist 100 Prozent Play-back, Sprache und Musik kommen komplett vom Band, die Schauspieler dürfen dazu nur die Lippen bewegen und herumhampeln. Das könnte witzig sein – wer schon einmal eine der Hörspielkassetten-Adaptionen des Voll-Play-back-Theaters aus Wuppertal gesehen hat, weiß das – funktioniert aber bei „Schneewittchen“ überhaupt nicht: Stattdessen fühlt sich das Stück über die gesamte Laufzeit dadurch nicht nur gekünstelt, sondern so leblos an, dass man es zu seiner Titelheldin in den gläsernen Sarg stecken möchte. Denn es ist nicht etwa so, dass die Schauspieler – keine Profis, sondern Studenten der Ulmer Akademie für darstellende Kunst (AdK) – einer mitreißenden Tonspur Gesicht und Körper leihen dürfen. Es klingt eher wie ein bei einem Schulprojekt produziertes, ziemlich langweiliges Hörspiel.

Natürlich wimmelt das Märchen „Schneewittchen“ vor Stereotypen. Doch Andreas von Studnitz unternimmt gar nicht erst den Versuch, den Stoff in die Gegenwart zu bringen: Die Stiefmutter (Larissa Zhivoderova) ist einfach nur böse, Schneewittchen (Noemi Fulli) ein treu-doofes Konsumenten-Weibchen. Noch dazu bedient die Inszenierung rassistische Klischees: Dass die böse Königin mit osteuropäischem Akzent spricht, mag an der Herkunft der Darstellerin liegen, von Studnitz macht aus ihr aber eine Figur wie aus der Zeit des Kalten Krieges. Und der Prinz (Zaid Sammsch), der Schneewittchen am Ende erlöst, kommt als eine Mischung aus Wüstensohn und Bollywood-Star auf die Bühne. Was leider nicht einmal witzig ist.

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Die Schauspieler trifft wohl keine Schuld an diesem Debakel: Sie sind nicht viel mehr als Marionetten, können durch das strenge Play-back-Korsett nicht miteinander oder gar mit dem Publikum interagieren – was gerade beim Kindertheater wichtig wäre. Wahrscheinlich blicken sie neidvoll auf ihre Kollegen, die als Puppenspieler die sieben Zwerge zum Leben erwecken dürfen. Die sehen übrigens, ebenso wie die Kostüme und die tatsächlich märchenhaften, aber in der Projektion etwas pixeligen Hintergründe, sehr hübsch aus: Ausstatterin Mona Hapke hat solide Arbeit geleistet.

Doch der Rest der Produktion erreicht kein Stadttheater-Niveau, sondern wirkt hingeschludert. Intendant Andreas von Studnitz führte nicht nur Regie, sondern bearbeitete auch den Text und komponierte die Musik. Etwa einen Sieben-Zwerge-Rap zu windelweichen Beats, der gefühlt alle fünf Minuten wiederholt wird („Wir sind die sieben Zwerge, Yeah!“), und ein schauriges Schneewittchen-Lied, das am Ende zu einem noch schaurigeren Duett wird. Mangelnde Gesangskünste in Ehren, aber wie es diese schiefen Töne auf ein Play-back (!) schaffen konnten, ist unerklärlich.

In den vergangenen Jahren bekamen die Zuschauer zum Jahresende im Theater Ulm liebenswerte und kindgerechte Stücke wie „Urmel aus dem Eis“, aber auch tolle Familienunterhaltung wie „Pinocchio“ geboten. 2017 hingegen präsentiert ausgerechnet der Intendant in seiner Abschiedssaison ein Weihnachtsmärchen, das nur für die Figuren, nicht aber für die Zuschauer ein Happy End bietet. Hoffnung spendet jedoch der Blick auf den anfangs erwähnten Troll Grinch. Denn trotz größter Mühe schafft dieser es nicht, den Menschen das Weihnachtsfest kaputt zu machen.

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