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Ulm

13.04.2016

Großer Abend der letzten Worte

Verdienten sich ihren Applaus mit einer brillanten Leistung: Cello-Solist Johann König und Dirigent Timo Handschuh.
Bild: Dagmar Hub

Die Ulmer Philharmoniker und Cello-Solist Johann König brillieren im CCU mit Williams, Elgar und Tschaikowsky. Die Werke verbindet ihre traurige Entstehungsgeschichte.

Drei Werke nahe am Ende des Lebens, nahe an Desillusionierung und Schicksalsschlägen: Generalmusikdirektor Timo Handschuh wählte für das Programm des vierten Philharmonischen Konzerts der Spielzeit drei unvergängliche Kompositionen, die Bezug zum Tod der jeweiligen Musikerpersönlichkeiten – Ralph Vaughan Williams, Edward Elgar und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – haben. Ein gewagtes Experiment musikalisch letzter Worte, bei dem die Musiker der Ulmer Philharmoniker sensibel und sehr präsent agierten – und das Publikum ebenso emotional auf die Musik einging. Die lauten „Bravo!“-Rufe am Ende waren verdient, und der Applaus für den großartig-virtuosen Cellisten Johann Ludwig, Konzertmeister der Violoncelli am Hessischen Staatstheater, ebenso.

Ralph Vaughan Williams liebte und sammelte Volkslieder und ließ deren Charaktereigenschaften in seine Werke einfließen. Das auch als englisches Weihnachtslied verwendete biblische Motiv vom reichen Mann und vom armen Mann, das Williams schon als Elfjähriger kennen lernte, schätzte er so sehr, dass Zitate aus diesem Lied in viele seiner Kompositionen eingingen und dass sein „Five Variants of Dives and Lazarus“ zu Williams’ eigener Beerdigung gespielt wurde. Die zarte, melancholische Melodie schaffte es 2010 gar zur Film-Ouvertüre. Auch Handschuh setzte sie an den Beginn des Konzerts: Weit mehr als ein elfminütiger Auftakt zum Einfangen der Konzentration des Publikums!

Diese Konzentration brauchte es zu Edward Elgars hochsensiblem, feinen Cellokonzert in e-Moll, mit dem der 35-jährige Johann Ludwig auf der Bühne des CCU brillierte. Dem hoch konzentrierten Solisten gelang es, das Publikum gänzlich in seinen Bann zu ziehen, wobei er während des knapp halbstündigen Cellokonzerts keinen Blick von Dirigent Handschuh wendete und gleichzeitig tief in der Komposition Elgars und ganz nah beim Orchester agierte. Er tat dies zwar zurückhaltend und sehr zart, schuf gerade daraus aber einen vollkommen reinen Cello-Klang in jenem Werk, das sich so gänzlich von Elgars sonstiger Neigung zum Pompös-Triumphalen unterscheidet. Das e-Moll-Konzert entstand, als es Elgar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges physisch wie psychisch schlecht ging. Am traurigen Tiefpunkt seines Daseins spürte der Komponist das Thema des melancholischen Cellokonzerts, das sein letztes Meisterwerk blieb. Denn bald nach der Uraufführung im Oktober 1919 starb Ehefrau Alice – und mit ihr die Inspiration des Komponisten, der danach keinen Anreiz mehr spürte, etwas zu Ende zu bringen.

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Nach der Pause führte Handschuh die Ulmer Philharmoniker in die rätselhaften Umstände des Todes Pjotr Iljitsch Tschaikowsky: Dieser starb drei Wochen nach der von ihm selbst dirigierten Uraufführung seiner sechsten – „Pathétique“ genannten – Sinfonie, eines Werkes, das er selbst als Requiem empfunden hatte und während dessen Komposition er oft geweint hatte. Zwischen Traum und Realität schwebt diese Musik: ein Lebens-Schlusswort, bei dem Tschaikowsky zum ersten und einzigen Mal auf seine Eigenart eines optimistisch-triumphierenden Schlusses verzichtete. Kein schöner Schein am Ende, sondern – nach zwei auflehnenden Wellen der Steigerung – unausweichliches Verlöschen.

Lange blieb es still nach dem letzten Ton im CCU. Dann brandete Beifall auf für die Ulmer Philharmoniker, aber auch für eine außergewöhnliche Programm-Auswahl.

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