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Bildung

16.05.2013

Grundschüler in der Fremde

„Es ist nicht leicht für die Eltern.“Anette Hadke-Vesely

Schüleraustausch der ungewöhnlichen Art: Der Ulmer Verein „Allef Deutschland“ organisiert den familiären Tapetenwechsel schon für Achtjährige

Ulm Zurück aus Montpellier: „Ich habe von Tag zu Tag mehr verstanden“ erzählt Schülerin Pia, die neben ihrer französischen Austauschpartnerin Angèle sitzt. Beide sind aufgeweckte Mädchen, tragen den gleichen Pullover, die gleiche Kette um den Hals und fast könnte man meinen, die zwei seien Schwestern. Sechs Monate hat Pia mit Angèle und deren Familie an der Mittelmeerküste verbracht. Eigentlich ein ganz normaler Schüleraustausch. Bis auf die Tatsache, dass Pia kein Teenager, sondern erst neun Jahre alt war, als sie nach Frankreich ging.

Austausch schon mit Grundschülern, damit hat der Verein „Allef Deutschland“ mit Sitz in Ulm Erfahrung. Seit 18 Jahren organisieren die rund 100 Mitglieder aus der ganzen Republik ehrenamtlich Auslandsaufenthalte für acht- bis zehnjährige Kinder. Für Frankreich oder England können sich die jungen Interessenten bewerben, ein halbes Jahr lang leben sie in einer Gastfamilie, das Partnerkind kommt ebenso lang zu ihnen nach Deutschland.

Als sie zum ersten Mal eine Fernsehsendung über diese Art des Schüleraustausches sah, war Pias Mutter, die Frankfurterin Sabine Neumann, noch skeptisch. „Ich dachte: Man schickt doch nicht so ein kleines Kind weg.“ Doch als die eigene Tochter nach einem Urlaub in Frankreich die Idee äußerte, einen solchen Schritt wagen zu wollen, befassten sich die Eltern näher mit diesem Wunsch und wandten sich an den Verein. Bei Angèle sahen die Anfänge ähnlich aus: „Meine Eltern fanden das verrückt“, berichtet die heute Elfjährige in fast akzentfreiem Deutsch. Sie hatte von dieser Möglichkeit erfahren, als ihre Cousine den Austausch machte.

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„Es ist nicht leicht für die Eltern“, weiß Dr. Annette Handke-Vesely, Vorstandsmitglied des Vereins, deren heute erwachsene Kinder vor Jahren selbst teilgenommen haben. Es gehe nicht darum, sein Kind wegzuschicken, stellt sie klar, „sondern es gehen zu lassen.“ Denn ihre Erfahrung ist, dass es immer wieder Grundschüler gibt, die für längere Zeit ins Ausland wollen.

Um sicherzugehen, dass die Motivation von den Kindern selbst kommt, und dass passende Austauschfamilien gefunden werden, führt Allef ein Bewerbungsverfahren durch. „Von unserer Bewerbung bis zum ersten Kontakt mit der französischen Familie ist ein Dreivierteljahr vergangen“, berichtet Pias Vater Andreas Neumann. Seitenweise haben sie Angaben gemacht, über die familiäre Situation, die eigenen Prinzipien, Pias Charaktereigenschaften. Gespräche mit Vereinsmitgliedern folgten, später Unterhaltungen mit der Austauschfamilie und gegenseitige Besuche. Etwa 20 Austausche sind es im Jahr, die der Verein auf diese Weise organisiert. Damit sich die Kinder im Ausland möglichst rasch eingewöhnen, gelten für die Teilnehmer viele Regeln. So sollen sie keine Bücher in der Muttersprache mitnehmen und, so schwer es auch fallen mag, die Kontakte nach Hause in engen Grenzen halten, um Attacken von Heimweh zu vermeiden. Zum Prinzip, berichtet Handke-Vesely, gehöre außerdem, dass die Kinder in der jeweiligen Gastfamilie wie eigene Kinder behandelt werden und dass auch im Ausland Ansprechpartner der Organisation zur Verfügung stehen.

In den allermeisten Fällen gehe dank der Vorbereitungen alles gut, sagt Vorstandsvorsitzender Lorenz Flatt: „Es kam schon vor, dass wir den Austausch abbrechen oder unterbrechen mussten, aber das ist die große Ausnahme.“ Auch bei Julian aus Ehingen hat es geklappt. Er wollte nach Frankreich, zehn Jahre alt war er da. „Die Einzige, die dagegen war, war ich“, erzählt seine Mutter Patricia Traub. Anfänglich. Doch sie wollte ihren Sohn auch nicht einschränken. Eine andere Sprache habe er lernen wollen, sagt Julian, „und einfach mal woanders sein.“ Julian schaffte es, die Mutter zu überreden. Schulprobleme habe er nach der Rückkehr nicht gehabt. In den vier Jahren seit seinem Auslandsaufenthalt hat er den Kontakt nach Frankreich gepflegt. „Ich bin selbstständiger geworden, es war eine coole Erfahrung“, resümiert er und wird bald erneut ins Ausland aufbrechen: Drei Monate will er jetzt in Argentinien verbringen.

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