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Neu-Ulm

16.12.2020

Hady Jako lag schon im Leichensack - heute lebt der Iraker in Neu-Ulm

Die Vergangenheit hat ihn gezeichnet: Schwerstverletzt überlebte Hady Jako 2006 einen Bombenanschlag im Irak.
Bild: Alexander Kaya

Plus Vor 14 Jahren überlebte Hady Jako einen Bombenanschlag im Irak. Heute arbeitet er in einem Altersheim in Neu-Ulm und erzählt seine Geschichte in einem Buch.

Hady Jako arbeitet in einem Altersheim in einem Stadtteil von Neu-Ulm. Er kann die dementen Senioren dort gut verstehen, wenn sie nach einer Mahlzeit klagen, nichts zu essen bekommen zu haben, oder wenn sie sagen: „Ich gehe jetzt nach Hause!“ – obwohl das nicht möglich ist.

„Ich habe das genauso gesagt“, erzählt Hady Jako. „Ich habe gesagt, dass ich nach Hause gehe, obwohl ich nicht gehen konnte. Ich habe Papier gegessen und es für Kuchen gehalten.“ Damals, als er aus dem Koma erwachte, als sein Denken ganz langsam wieder einsetzte, als er Worte wirr wahrnahm, als kämen sie aus unterschiedlichen Richtungen.

Damals. Das war 2006. Am 27. März 2006 überlebte Hady Jako einen Bombenanschlag des IS in Mossul auf eine Rekrutierungsstelle vor einer Kaserne. Über 70 Menschen starben damals. Auch Hady Jako lag bereits in einem Leichensack – doch er lebte. Seine Geschichte erzählt der 35-Jährige jetzt in einem Buch. „Explosion und dann?“ heißt es.

Das Buch von Hady Jako ist ein großes Danke

Das Buch, das er mit Unterstützung von Freunden und der Psychologin Stephanie Evertz schrieb, ist ein großes Danke an alle, die ihm geholfen haben, sagt Hady Jako. Nein, „tausend Danke“ seien es, korrigiert er sich. Wobei ein ganz besonderes Danke an einen amerikanischen Arzt geht, dessen Namen Hady Jako nicht kennt – an jenen Arzt, der am Leichensack in irgendeiner Weise wahrgenommen haben muss, dass der Mensch im Inneren noch lebt.

Als „Non-Survivor“ war Jako aufgrund seiner extrem schweren Verletzungen trotzdem eingeteilt worden. Der amerikanische Arzt Corbyn, der den Schwerstverletzten dann operierte, berichtet, dass dem jungen Mann „das meiste von seinem Gesicht“ weggerissen worden war; ein Arm fehlte, der Bauch war zerfetzt, ein Bein verletzt.

"Explosion und dann? Mein Weg - mit Hoffnung im Gepäck" heißt das Buch von Hady Jako.
Bild: Alexander Kaya

Hady Jako ist Ezide – auf die Eigenbenennung für die ethnisch-religiöse Minderheit im nördlichen Iran, in Nordsyrien und der Südosttürkei legt er Wert –, geboren im Stamm der Raschka. Geboren wurde er in einem Dorf in der Gegend um Ninive, er lebte als Schäfer; sein Vater starb früh. Seine Mutter, die elf Kinder geboren hat, ist heute 73 Jahre alt und lebt in einem Flüchtlingslager in der Türkei.

Eines Tages zurückkehren? „Daran denke ich keine Sekunde“, schildert Jako. Sehnsucht hat er – nach der Mutter und nach jenen Geschwistern, die nicht der Verfolgung durch den Islamischen Staat zum Opfer fielen oder vermisst sind. Mit den Geschwistern, die verstreut in Sicherheit leben, telefoniert er regelmäßig.

Mit seiner Mutter telefoniert Hady Jako dagegen selten – es koste ihn zu viel Kraft, sagt er, weil die Mutter immer von früher spreche, von Erinnerungen, von den Geschwistern, mit denen er spielte. Vom ersten Leben, das es nicht mehr gibt.

In seinem Buch beschreibt Hady Jako, wie er nach Neu-Ulm kam

Hady Jakos Blick aber, das spürt der 35-Jährige, will sich nach vorne richten: Nachdem sich die Familie drei Jahre lang um den behinderten Sohn gekümmert hatte, der im Irak keine Chance auf Arbeit hatte und nichts tun konnte, wurde die Flucht nach Deutschland organisiert, wo etwa 200.000 Eziden in der Diaspora leben.

In seinem Buch beschreibt Hady Jako, wie er nach Neu-Ulm kam, er beschreibt seinen unbedingten Willen, Deutsch zu lernen und Arbeit zu finden, was immer wieder an seiner Behinderung scheiterte. Glasauge und Hörgerät stellten sich dabei weniger als Problem heraus als eine Armprothese, die nur Berufstätigen finanziert werden sollte, aber für eine Bewerbung als nötig erachtet wurde.

Trotz all seiner seelischen Kraft: Fast hätte der Weg des jungen Mannes in den Alkohol geführt – bis ihn eines Tages Pfarrerin Marion Abendroth auf dem Neu-Ulmer Petrusplatz ansprach.

Hady Jako hat eine besondere Fähigkeit

„Mamma Marion“ nennt er die Pfarrerin, die ihn unter ihre Fittiche nahm. Hady Jako besitzt die Fähigkeit zu spüren, mit welchen Menschen er eine Art Ersatzfamilie haben kann. Da ist Susanne, die mit ihm Langstreckenlauf trainierte, oder der Italiener Paolo. Da ist „Oma Messerschmidt“, die ihm im Altenheim eine Ersatzgroßmutter wurde. Sie starb an Covid-19, Hady Jako besucht ihr Grab noch heute.

Hady Jako arbeitet im Altenheim.
Bild: Alexander Kaya

Zu Senioren fühlte sich Hady Jako in seiner neuen Heimat schnell emotional hingezogen, und manchmal ist er gerührt, wenn ihm ein Altenheimbewohner aufgrund des fehlenden Armes Hilfe anbietet – Hilfe, die Hady Jako gibt. Nach Praktika in anderen Altenheimen ist der Ezide seit 2016 fest in einem Altenheim tätig – inzwischen mit unbefristetem Arbeitsvertrag – in der Beschäftigung und Aktivierung der Senioren und er gibt Hilfe beim Essen und Anziehen und macht Fußpflege.

2018 war sein besonderes Jahr, sagt Hady Jako. Da bestand er den Einbürgerungstest und wurde Deutscher. „Anerkennung so wie ich bin, Zugehörigkeit zur neuen Heimat“, schreibt Hady Jako, bedeutete das für ihn. Sein Leben in Neu-Ulm – Hady Jako erzählt vom Ulmer Schwörmontag, von seinem Lieblingsgericht Linsen, Spätzle und Wienerle, vom Marathonlaufen, das ihn begeistert.

„Und vielleicht“, sagt er ganz leise, „werde ich eines Tages heiraten und eine Familie haben. Aber ...“, und er deutet auf den fehlenden Arm und die Narben in seinem Gesicht.

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