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Ulm

20.03.2019

Hanna Münch: Immer der roten Nase nach

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3 Bilder
Vorsicht, Clowns! Hanna Münch (am Lenker) mit ihrer Kollegin Katrin Strazzeri, mit der sie gute Laune in Seniorenheime und Kliniken bringt.
Bild: Alexander Kaya

Die Ulmerin Hanna Münch ist eine vielseitige Künstlerin: Sie arbeitet als Clown, tanzt, macht Kabarett und schreibt. Doch sie musste in ihrer Karriere auch schon schwierige Phasen überstehen.

Nur wenige Künstler haben ein festes Engagement. Die meisten führen ein Leben voller Freiheit, aber auch voller Unsicherheit. Unsere neue Serie „Kunst als Beruf“ zeigt, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten, ihren Alltag organisieren – und welche Kompromisse sie manchmal machen müssen.

Was ein paar rote Nasen nicht alles bewirken können. Als die Clowns hereinkommen, ach was, hereinspringen, bringen sie das Lächeln in die Demenz-WG auf der Ulmer Schillerhöhe. Zwischen Girlanden und Luftballons sitzen die Bewohner auf Stühlen, manche im Rollstuhl, und selbst bei denen, die von der Krankheit schwer gezeichnet sind, glaubt man ein Glimmen in den Augen zu sehen. Drei Spaßmacher sind an diesem Nachmittag im Einsatz, ziehen Grimassen, singen alte Schlager – oder nehmen die Bewohner einfach nur liebevoll in den Arm. Eine rote Nase gehört Lotti, mit gepunktetem Kleid, kleiner Melone auf dem Kopf und einer Gummi-Schildkröte am Gürtel, die immer quietscht, wenn sie sich nach vorne beugt. Sie ist die Sensible im Gespann. Und sie ist es auch, wenn sie die rote Nase wieder ablegt.

Hanna Münch gehört auch zur "Strado Compagnia Danza"

Lotti heißt eigentlich Hanna Münch – und ist nicht nur Clownin in Senioreneinrichtungen und Kliniken, sondern eine Künstlerin mit ganz vielen Facetten. So vielen, dass ihr Gesicht ganz vielen Menschen in Ulm und Umgebung bekannt ist. Die 40-Jährige gehört seit 2010 zur „Strado Compagnia Danza“ des Choreografen Domenico Strazzeri, macht zusammen mit Heike Sauer (alias Marlies Blume) Kabarett, ist Schauspielerin und Autorin. Und außerdem Mutter eines elfjährigen Sohns und einer 13-jährigen Tochter.

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Der Künstlerberuf wurde Münch in die Wiege gelegt. „Ich bin in einer Theaterfamilie groß geworden“, erzählt sie bei einem Gespräch im Café. „Alles andere wäre für mich ungewöhnlich gewesen.“ Münchs Großvater war Theo Dentler, der Gründer des einst legendären „Theaters in der Westentasche“. Auch ihre Mutter und ihr Vater waren zeitweise Schauspieler. Münch nahm schon früh Ballett- und Gesangsunterricht, eine Schauspielschule aber, betont sie, habe sie nie besucht. Doch als sich die Wege ihrer Eltern und der „Weste“ kurz nach der Jahrtausendwende trennten, wusste Münch zunächst nicht wohin. Rettung kam aus Karlsruhe, wo sie ein Jahr lang an der Kabarettbühne „Die Spiegelfechter“ arbeitete. Danach folgte die bis heute wohl größte Niederlage ihres Künstlerlebens. Zusammen mit ihrem Mann wollte sie im badischen Offenburg ein Theater eröffnen. Sie probten das Stück „Timbuktu“ von Paul Auster, doch schon nach dem Monat, den die Stadt als Probezeitraum eingeräumt hatte, kam das Aus. Statt eines Theaters sollte in den Räumen eine Ballettschule entstehen. „Wir sind kläglich gescheitert“, sagt Münch. „Aber es war wichtig für uns, das zu machen.“ Danach nahm sie sich eine Auszeit, bekam die Kinder. Mutterrolle statt Bühnenrolle.

Auch ihr Mann Nik Schoelzel ist ein Kreativer

Hanna Münch kennt die Nöte, die ein Künstlerleben mit sich bringt, die berufliche Unsicherheit, die finanziellen Engpässe. In jüngeren Jahren hat sie unter anderem Käse verkauft und als Messehostess gejobbt. Aber ein anderer, solider Beruf? „Da wäre mir nichts eingefallen“, sagt sie und lächelt. „Wenn eine Sache vorbei war, haben sich immer wieder neue Türen geöffnet“, erzählt sie. „Das ist ein großes Glück.“ Berufliche Sicherheit habe sie in ihrem Leben nie gehabt, deswegen habe sie diese auch nie vermisst. Und auch die Kinder kennen es nicht anders: Auch Münchs Mann ist ein Kreativer, der Fotograf Nik Schoelzel, der oft für Theater arbeitet. „Die Kinder merken schon, dass es bei uns manchmal ein bisschen chaotischer ist“, sagt die 40-Jährige.

Die Arbeit für die „Guten Clowns“, zu der auch Glücksunterricht an der Neu-Ulmer Weststadtschule gehört, bietet ihr heute „so eine Art festes Einkommen“, sagt Münch. Die andere große berufliche Aufgabe ist der Tanz bei der „Strado Compagnia Danza“ – und das, obwohl sie nach eigenen Aussagen in Sachen Ausbildung mit der restlichen Compagnie nicht mithalten kann. Sie sei selbst überrascht gewesen, als Choreograf Domenico Strazzeri vor Jahren deswegen bei ihr anrief. Heute ist sie aus dem Ensemble gar nicht mehr wegzudenken, auch durch die Texte, die sie für die Produktionen schreibt. Etwa drei Monate im Jahr gehören ganz „Strado“, für die Proben und die Vorstellungen. Aber schon jetzt hat Münch mit der Vorarbeit für das Stück im Winter begonnen: Es handelt von der Malerin Frida Kahlo.

Die Zeit dazwischen füllt die 40-Jährige mit kleineren Auftritten, manchmal hält sie auch Vernissage-Reden, und sie schreibt, Gedichte und kleine Texte, für einen Roman hat sie zu wenig Zeit und Muße. Und sie bildet sich weiter, besucht Workshops, übt Akkordeon. Das Instrument braucht sie für die Clown-Auftritte. Da dürfe sie sich zum Glück auch mal verspielen, sagt sie und lacht. Und einmal im Monat kümmert sie sich um die Abrechnung für das Fotostudio ihres Mannes.

Für ihre eigene künstlerische Arbeit ist das Geld aber nicht das Wichtigste. Was sie mache, das entscheide sie oft aus dem Bauch heraus, und manchmal, das gibt sie zu, habe sie auch zu wenig Geld verlangt. Das Verhandeln, das sich selbst Verkaufen, das ständige Anklopfen bei Veranstaltern, das sei nicht ihre Sache.

Nach dem Clown-Auftritt in der Demenz-WG wird sie gefragt, was sie sonst so mache. „Alles mögliche“, antwortet Hanna Münch. Es klingt nicht ratlos, sondern nach einem interessanten Leben.

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