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Ulm

18.11.2017

Heyoka-Theaer zeigt Szenen des absurden Alltags

Von Angst und deren vielfältigen Schattierungen handelt eine Szene des Stücks „Stamm – Alltag und Sehnsuchtsorte“, mit das integrative Heyoka-Theater das komplette Roxy bespielt.
Bild: Dagmar Hub

Das integrative Heyoka-Theater zeigt im Ulmer Roxy mit seinem aktuellen Stück „Stamm“ Szenen aus dem gewöhnlichen Leben – und vom Ausbruch aus diesem.

Das Leben ist nicht von Dauer. Und auch im Leid hat der Mensch nur dieses Jetzt und Hier. Den Moment bewusst zu leben und mit Glück zu füllen, das ist die Botschaft von Eva Ellerkamps Heyoka-Theaters im Stück „Stamm – Alltag und Sehnsuchtsorte“, dem zweiten Teil einer auf zwei Jahre angelegten Familientrilogie „Wurzeln, Stamm und Triebe“. „Stamm“ beschäftigt sich mit der alltäglichen Gegenwart und der Sehnsucht nach dem Ausbruch aus diesem Alltag, und das tut das Stück auf philosophische und sehr fantasievolle Weise. Außergewöhnlich: Das ganze Roxy samt seiner langen Gänge und seiner dem Publikum unbekannten Räume wird bespielt, in verschiedenen exakt gleich langen Szenen. Und das Publikum wandelt in Gruppen nach einer vorgegebenen Choreografie von einer überraschenden Szene zur anderen. Wer welche Szene wann erlebt, ist also für die Zuschauer zufallsgesteuert.

Vom Roxy-Foyer aus geht es durch einen dunklen Gang vorbei an ganzen Batterien von Tischleuchtern, die mit silberfarbenen Christbaumkugeln behängt lagern. Die Szenerie passt zum völlig Unerwarteten, mit dem „Stamm“ den Zuschauer 90 Minuten lang konfrontiert – aber das auf so gelungene, nachdenklich-fröhliche Weise, dass man sich sehr gerne auf das Spiel einlässt. Vor dem Aufgang zu den Toiletten sitzt ein Mann in einem Liegestuhl und lässt sich von sisyphosgleichen Arbeitern bunte Luftballons bringen. Wenn man sich als Rädchen im Alltag fühlt – wer ist dann der Uhrmacher?

Eine Art fröhlicher Guggenmusik begleitet den Zuschauer im Roxy auf dem Weg durch Seelenzustände: Liebesbriefe schreiben und im Mondschein schaukeln – welch ein Gegensatz zum alltäglichen Funktionieren! Verrückt sein, den Kakao mit einem Fisch umrühren. Martin Gah entpuppt sich als Philosoph mit leisem Lächeln in kryptischen Worten. Und geborgen sein: Die Szene mit elf Kindern in ihren Betten im mondbeschienenen Dunkel vermittelt selbst dem Zuschauer ein Gefühl von Geborgenheit.

Ganz anders die Angst-Szene, die Rosiane Menezes im goldenen Kampfanzug dominiert. Sie denkt über das Phänomen nach, Angst zu haben – vor dem Alleinsein und vor den Menschen. Davor, nur eine Rolle zu spielen und davor, keine Rolle zu spielen. Davor, etwas tun zu müssen, was man nicht will, weil man akzeptiert werden will, weil man weder der Erste noch der Letzte sein will. Und davor, Angst zu haben vor der Angst.

Der Alltag ist die Krönung des Absurden, sagt das Stück. Aber wenn der Pegelstand der Wirklichkeit kaum zu ertragen ist, könnte man ihm auf einem Steckenpferd entfliehen. Oder: „Wenn dich dein Leben nervt, streu Glitzer drauf!“, wie Martin Gah sagt.

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