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13.09.2010

Historischer Krimi um einen uralten Hüftknochen

Historischer Krimi um einen uralten Hüftknochen
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In Paris am Triumphbogen erinnert ein Schriftzug an die Schlacht bei Elchingen. Foto: heo
Bild: heo

Ulm/Elchingen Eigentlich könnte man meinen, über Napoleon und die Schlacht von Elchingen sei bereits alles geschrieben und gesagt. Neueste Forschungen auf Schloss Waldenburg brachten jetzt auf makabere Weise einen neuen Aspekt zutage. Dort wurde ein durchschossener Hüftknochen aus dem Jahr 1805 gefunden. Sorgsam verwahrt in einer uralten beschlagenen Messingschatulle.

Was aber hat das im fürstlichen Schlossarchiv gefundene Gebein mit Napoleon und Ulm zu tun? Am 11. Oktober 1805, drei Tage vor der Schlacht von Elchingen, tobte bei Haslach-Jungingen ein blutiges Vorgefecht, bei dem mehr als 35 000 Soldaten erbittert um Leben und Tod kämpften.

Als der 23-jährige Rittmeister Albert Prinz zu Hohenlohe Schillingsfürst von Ulm aus in das Gefecht ritt, sagte er: "Im Jahr 1800 hat vor Ulm eine Kugel den linken Fuß meines Bruders getroffen, vielleicht trifft mich heute eine am rechten." Er sprach hier von seinem Bruder Joseph, der in einem anderen Krieg am 22. Mai 1800 bei Erbach gefallen war. Kurze Zeit später wurde das Regiment Hohenlohes zwischen Haslach und Jungingen in schwere Kämpfe mit zwei französischen Dragonerregimentern verwickelt. Das unlängst erschienene Buch "Napoleon in Bayern" berichtet:

"Als die Österreicher diese frischen Reiterreserven im Feld führten, wurde die Übermacht derart drückend, dass die französischen Dragoner unter schweren Verlusten erneut zurückgeworfen wurden. Ein Dragoner (...) legte die Flinte auf den Rittmeister an und feuerte. Die Kugel fuhr dem 23-Jährigen durch den Hüftknochen ..."

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Der Schwerverwundete hielt sich noch mehr als zweieinhalb Stunden im Sattel und ritt nach Ulm zurück. In seinem Quartier beim Kaufmann Schneidenbach in der Frauenstraße 38 (alte Hausnummer D 185) rangen die Ärzte drei volle Tage lang um das Leben Hohenlohes. Vergeblich.

Kurz vor seinem Tod schritten viele seiner Reiterkameraden an seinem Bett vorüber und weinten. Der Gefallene wurde unweit der westlichen Stadtmauer auf dem Kirchhof des Deutschordenshauses (heute ist dort Galeria Kaufhof) neben seinem Bruder Joseph beerdigt. Neffen des Prinzen ließen im Jahr 1868 an ihrem Grab eine gusseiserne Erinnerungstafel anbringen, welche in der Mitte das Fürstlich Hohenlohische Wappen zeigt. Soweit die bekannte Geschichte. Was aber nun auf Schloss Waldenburg in Erfahrung gebracht werden konnte, lässt das Ganze auf bizarre Weise lebendig werden: Nach dem Tod entfernte ein Arzt den durchschossenen Hüftknochen und der Ulmer Landesdirektionsrat Fischer schickte ihn samt der tödlichen Kugel nach Kupferzell, dem Geburtsort des Prinzen.

Tödliche Kugel ist nicht mehr auffindbar

Dort befand sich der Stammsitz seiner Familie bis 1920, danach wanderte alles nach Schloss Waldenburg. Das Zeugnis der Geschichte überstand offensichtlich auch das Jahr 1945, als sich zurückziehende Wehrmachtseinheiten mit den Amerikanern ein verheerendes Gefecht lieferten, wobei das Schloss vollkommen zerstört wurde. Während die tödliche Kugel selbst nicht mehr auffindbar ist, ruht der durchschossene Hüftknochen dort in einer uralten beschlagenen Messingschatulle.

Auf die Frage an den Hausherrn Fürst Hohenlohe, einem Nachfahren des Gefallenen, was er von Napoleon hält, verdunkelt sich sein ansonsten freundliches Gesicht. Er ist nicht gut auf ihn zu sprechen.

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