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Ulm

06.11.2019

IHK Ulm führt Studentenausweis für Azubis ein

Lehre statt Studium: Geht es nach der IHK Ulm, sollen mehr junge Leute eine Ausbildung antreten.
Foto: Alexander Kaya (Symbolfoto)

In Ulm und der Region fehlen jährlich fast 15000 Lehrlinge. Die IHK setzt auf ein ganzes Paket an Ideen, um junge Leute zu überzeugen

Auch wenn sich die Konjunktur eintrübt: Um seine Stelle muss sich bei den einheimischen Unternehmen erst einmal kein Beschäftigter grundsätzliche Sorgen machen. Davon ist Otto Sälzle, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ulm, überzeugt. Er und seine Kolleginnen Martina Doleghs und Patrizia Grün werben mit Nachdruck für die duale Ausbildung im Betrieb und an der Berufsschule. Denn den Firmen in der IHK-Region Ulm fehlen die Fachkräfte, einer Prognose zufolge sind es bis 2030 im jährlichen Durchschnitt 16200 Mitarbeiter. Die IHK-Region umfasst die Stadt Ulm und die Landkreise Alb-Donau und Biberach. Bedarf besteht vor allem bei Angestellten, die eine Ausbildung gemacht haben, die IHK beziffert die Lücke mit 14800 Frauen und Männern. Um sie zu schließen, will die IHK die Ausbildung attraktiver machen. Ein Ansatz: Lehrlinge sollen von ähnlichen Angeboten profitieren wie Studentinnen und Studenten.

Dass immer mehr junge Leute an die Universitäten und Hochschulen streben, hält Sälzle für einen Fehler. Die Abbrecherquoten dort seien viel höher als in der Ausbildung und die Verdienstmöglichkeiten bei weitem nicht so gut wie von vielen erwartet. Ein Industriemechaniker etwa verdiene nach der Ausbildung um die 40000 Euro brutto im Jahr, mehr also als mancher Akademiker. „Es sind nicht alle Branchen gleich in der Bezahlung“, räumt der Hauptgeschäftsführer ein, der sein Amt demnächst an Nachfolger Max-Martin Deinhard übergibt. Trotzdem wirbt er dafür, dass junge Leute und ihre Eltern nicht nur auf den Status des Akademikers schielen.

IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle: Gute Karrierechancen für junge Leute mit Ausbildung

Die IHK orientiert sich bei ihrer Azubi-Werbung verstärkt am Studium. Zum Beispiel mit der Azubi-Card, einer Art Studentenausweis für Lehrlinge. „Wir setzen alles daran, dass die Ausbildung als gleichwertig zum Studium angesehen wird“, sagt Patrizia Grün, Leiterin Ausbildung bei der Ulmer Kammer. Ein QR-Code auf dem Plastikkärtchen führt direkt auf ein Internetportal, wo Ansprechpartner, Prüfungstermine, Prüfungstermine und Rechte eingesehen werden können. Zudem bietet die Karte vergünstigte Angebote. Die IHK Ulm ist die erste Kammer in Baden-Württemberg und die zwölfte in Deutschland, die die Azubi-Card einführt.

Die IHK-Verantwortlichen listen noch mehr Punkte auf, die eine duale Ausbildung attraktiv machen: Zusatzangebote wie Qualifizierungen und Auslandsaufenthalte, persönliche Weiterentwicklung durch eine Schulung zum Ausbildungsbotschafter samt Auftritten vor Schülern, besondere Veranstaltungen für Absolventen und eben gute Verdienstmöglichkeiten sowie Karrierechancen. Daran änderten die Konjunkturaussichten nichts: „Die Krise wird alle Berufe treffen“, sagt Hauptgeschäftsführer Sälzle. Doch die Stellen für Absolventen der dualen Ausbildung seien besonders krisensicher, glaubt er. Denn die Firmen hätten gelernt, dass es teurer und aufwendiger ist, Fachkräfte zurückzugewinnen als sie in schlechteren Phasen weiter zu bezahlen.

Lehre: IHK Ulm wirbt um Azubis

Die IHK schaut sich nicht nur Ideen von Universitäten und Hochschulen ab, sie will auch Studienabbrecher begeistern. In „Blitz-Klassen“ können sie sich in zwei statt drei Jahren zum Fachinformatiker für Systemintegration oder für Anwendungsentwicklung ausbilden lassen. Begonnen hat das Kooperationsprojekt mit der Robert-Bosch-Schule 2018 mit einer Klasse, in diesem Jahr gingen bereits zwei Klassen an den Start.

Eine weitere Zielgruppe für IHK und Unternehmen sind junge Leute aus anderen Ländern. Nur dank der Geflüchteten, die eine Lehre antraten, ist die Zahl der neuen Auszubildenden in diesem Jahr leicht gestiegen. In Ulm begannen im September 889 junge Leute eine Ausbildung (2018: 880), davon 44 Flüchtlinge. In der gesamten IHK-Region traten 2463 neue Auszubildende ihre Stellen an (2018: 2447), davon 109 Flüchtlinge. Die IHK nimmt nun verstärkt junge Leute in den Blick, die aus anderen Zuwandererfamilien kommen. In den vergangenen fünf Jahren verzeichnete die IHK-Region nach Sälzles Angaben rund 25000 neue sozialversicherungspflichtige Beschäftige – davon an die 11000, die aus Osteuropa zuzogen. Viele brächten ihre Familien und damit auch ihre Kinder mit. „Das ist aus unserer Sicht ein großes Potenzial“, betont Sälzle. Gleichzeitig sei der Betreuungsbedarf ähnlich: Es gehe darum, deutsch zu lernen und das duale Ausbildungssystem kennenzulernen.

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