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Historie

27.01.2020

Ihren Wohlstand haben Ulmer jetzt schriftlich

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Der Neu-Ulmer Ulrich Seitz verschafft den Nachbarn Erkenntnisse über ihre Vergangenheit

Stoffe für Italien, und auf dem Rückweg werden Genüsse wie Olivenöl, Parmesan und Zitronen nach Ulm gebracht: Alte Handelsbriefe sind aufschlussreich für die Geschichte von Vertriebswegen und Geschäftsverbindungen, sie korrigieren aber auch manches falsche Bild. So ist es nach den Erkenntnissen von Ulms Stadtarchivdirektor Michael Wettengel nicht ganz richtig, wenn vom Niedergang der Ulmer Wirtschaft im 18. Jahrhundert erzählt wird. Es habe wohl eine Finanzkrise gegeben, privat sei es den mit dem Handel befassten Ulmern aber wohl recht gut gegangen. Darauf lassen die Inhalte alter Handelsbriefe schließen, die jetzt der Neu-Ulmer Stadtrat Ulrich Seitz, Vorsitzender des Historischen Vereins und leidenschaftlicher Sammler, dem Ulmer Stadtarchiv übergeben hat.

Die 50 Schreiben aus der Zeit zwischen 1739 und 1796, die alle im Zusammenhang stehen mit dem im 18. Jahrhundert in Chur in der Schweiz ansässigen Speditionshaus Maßner, sind für das Stadtarchiv von großer Wichtigkeit, betont Michael Wettengel. Den ersten der Briefe ersteigerte Ulrich Seitz 2007 - für wenige Euro, denn das Internet-Angebot interessierte damals niemanden außer ihn. Was er da ersteigert hatte, erfuhr Ulrich Seitz im Stadtarchiv bei der Historikerin Gudrun Litz, die das Sachgebiet Mittelalter und frühe Neuzeit betreut – und es stachelte seine Sammelleidenschaft an. Denn die Firma Maßner ging irgendwann ein, das Archiv wurde zerstreut und ein privater Besitzer versteigerte ab 2007 Briefe daraus. Seitz kontrollierte regelmäßig, wann Ulmer Briefe darunter waren, ersteigerte und sammelte sie. Nun ist die Quelle versiegt, und für den Sammler selbst sind die Briefe zu komplex, um sie schlüssig aufzuarbeiten, enthalten sie doch Abkürzungen, Fachbegriffe und Firmen-Signets, mit denen sich die Historikerin Senta Herkle beschäftigt. Sie konnte bereits das Signet des Ulmer Tuchhändlers Bürglen identifizieren, und offenbar betreffen die Briefe auch eine ganze Reihe anderer Ulmer Firmen wie Heilbronner und Kindsvater. Die Briefe enthalten nicht nur Angaben zu Versendern und Empfängern von Waren, sondern auch zu Stückzahlen, Maßen und Gewichten und zeigen so die Relevanz von Spediteuren für die Kulturgeschichte des Wirtschaftens.

Die Warenbegleitbriefe sind in deutscher, italienischer und auch in französischer Sprache geschrieben, Sanitätspässe über die Seuchenfreiheit des Herkunftsortes der Waren oft auch in lateinischer Sprache. Der weitaus größere Teil befasst sich mit Warentransporten von Ulm nach Italien, von wo aus Barchent und Leinwand nachweislich sogar bis nach Venezuela gehandelt wurden. „Der Ulmer Stampf (ein Qualitätsstempel, Anmerkung der Redaktion) war weltweit so wertvoll, dass er sogar gefälscht wurde“, weiß Michael Wettengel dazu. Die Ulmer transportierten ihre Waren selbst bis zu Zielorten auf den Routen, die in Tirol oder Vorarlberg lagen. Spediteure wie die Schweizer Firma Maßner übernahmen die Ware sowie das finanzielle Risiko und wickelten dann den weiteren Handel bis Italien ab. Dass aber in den kriegerischen Zeiten des 18. Jahrhunderts nicht immer alles glattging, davon zeugen die Briefe ebenfalls. Es gibt solche, in denen erwähnt wird, man müsse wegen kriegerischer Auseinandersetzungen eine andere Route wählen, und auch Beschwerdebriefe wegen lange nicht angekommener Ware. Ein Teil der Handelsbriefe listet auch Waren auf, die von Italien aus – über Chiavenna und den Splügenpass nach Ulm transportiert wurden. Es ging vor allem um leibliche Genüsse.

Senta Herkle und Gudrun Litz werden für die Forschungen im Frühjahr in die Schweiz reisen; danach stehen Besuche in italienischen Archiven an. Und auf einen Nebeneffekt hoffen beide: Zwischen Chur und Bivio am Fuß des Julierpasses stehen in Graubünden in Kirchen zehn Altäre aus der spätgotischen Ulmer Schule. Über deren Handelsweg und Transport versuchen beide ebenfalls mehr zu erfahren.

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