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Neu-Ulm

06.10.2019

Im Herzen Neu-Ulms: Die Stadtmitte im Porträt

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Eine Luftaufnahme des Neu-Ulmer Stadtteils Stadtmitte. Zum Jahreswechsel zählte das Gebiet 19872 Einwohner. Doch seine Entstehung war ziemlich mühsam.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Die Stadtmitte ist der zweitjüngste Siedlungsteil – und zugleich der größte. Dabei war seine Entstehung zu Beginn des 19. Jahrhunderts ziemlich mühsam

Zwischen April und September 2019 hat Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“ ausgiebig gefeiert. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, hat die Feierlichkeiten mit ein paar Blicken in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft begleitet. Heute zum Abschluss: die Stadtmitte.

Der Neu-Ulmer Stadtteil Stadtmitte erstreckt sich von der Donau im Norden bis zur Europastraße im Süden. Er wird östlich von Offenhausen, westlich vom Stadtteil Weststadt begrenzt. Die Stadtmitte zählte zum Jahreswechsel 19.872 Einwohner, die sie an die Spitze der vierzehn Stadtteile Neu-Ulms rücken. Ihre Grundfläche beläuft sich auf gut vier Quadratkilometer, mit denen sie Platz elf belegt – hinter Offenhausen, aber vor Weststadt.

Auf gut 200 Jahre ihres Bestehens blickt Neu-Ulms Stadtmitte zurück. Wenig im Vergleich zum mehr als tausendjährigen Ulm. Aber auch gemessen an den eigenen Stadtteilen kommt Mitte nicht besonders gut weg: Bis auf Ludwigsfeld sind alle Siedlungsteile älter. Das hat mit den schwierigen Anfängen zu tun. Erst die Neuordnung der deutschen Länder Anfang des 19. Jahrhunderts ermöglichte auf einst Ulmer Gebiet südlich der Donau das Entstehen einer eigenen Siedlung. Das war mühsam genug. Zwei Jahrzehnte nach seiner Gründung durch Carl Ernst von Gravenreuth zählte die Gemeinde gerade einmal 349 Einwohner, zu Beginn des Festungsbaus 1842 erst rund 600.

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Der Grundriss der Stadt Neu-Ulm ist schachbrettartig

Dann griff Bayerns König Ludwig ein und verlangte, den südlich der Donau auf Neu-Ulmer Territorium geplanten Brückenkopf der entstehenden Bundesfestung Ulm derart auszudehnen, dass eine städtische Ansiedlung hineinpasse – der erste von drei Stadtgestaltungsentwürfen sozusagen, und zugleich der einzige, der verwirklicht wurde. Darin schrieb Ludwig den noch heute erkennbaren schachbrettartigen Grundriss der künftigen Stadt vor, mit einer von West nach Ost durchlaufenden Achse, der heutigen Schützen- und Augsburger Straße. Zur Bebauung ordnete der König an, „dass die aufgeführt werdenden Häuser ordentlich zusammenhängen, Haus an Haus aneinander sich anschließen, also ohne Zwischenräume und ohne Hoftore“.

Dieser „ludovikanische Baustil“ ist bis heute zumindest teilweise noch an der Häuserzeile Schützenstraße 20 bis 26 ablesbar. Dann kamen die Festungsbauer, nach ihnen die Soldaten, weitere Handwerker und Gewerbebetriebe. Die Ansiedlung wuchs tatsächlich innerhalb der Festungsmauern, sodass sie im Jahr der Stadterhebung 1869 gut 7000 Köpfe zählte – mehr als jedes der umliegenden Dörfer, die hundert Jahre später eingemeindet werden sollten.

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Nach dem mühsam ausgehandelten Entfestigungsvertrag vom August 1906 begann die Stadt sogleich, große Festungsteile abzutragen. Platz sollte geschaffen werden für Wohnen und Gewerbe. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Abbrucharbeiten. Im September 1919 untersagte die Regierung von Schwaben und Neuburg der Stadt wegen „städtebaukünstlerischer Bedenken“ weitere Abbrucharbeiten an der Stadtumwallung. Die Stadt erarbeitete einen „Generalbaulinienplan“, zu dem der Münchner Architekt Peter A. Hansen ein Stadtentwicklungskonzept beisteuerte. Er regte die Erweiterung der Innenstadt in Richtung Offenhausen an, wo der Wall bereits gefallen war. Dazu schlug er vor, das künftige Stadtzentrum um das Augsburger Tor herum neu anzulegen. Dort sollten ein Rathaus und eine Kirche entstehen und das Augsburger Tor durch Anpassung an die geplanten Bauten bestehen bleiben.

Auch wollte Hansen „durch Erhaltung bestimmter Teile der Umwallung die Erinnerung an den historischen Charakter der Stadt als Festungsstadt festhalten“. Den damals noch vorhandenen Festungswall zwischen Memminger und Reuttier Straße wollte er durch Überbauung in seinem Festungscharakter noch verstärken. Die Hansen-Pläne wurden, wie Konrad Geiger in der Neu-Ulmer Stadtchronik festhält, schon im Frühjahr 1922 preisgegebenen. Vor allem wohl, weil die Garnison in Neu-Ulm keine Zukunft mehr habe und die Stadt daher weitere militärische Einrichtungen werde übernehmen müssen. Zudem habe sich Neu-Ulm immer „nur recht halbherzig um den Erhalt der als Kleinod anzusehenden Festungsanlagen bemüht“.

Der "Ellenrieder-Plan": Neu-Ulm sollte weitgehend neu gebaut werden

Der dritte Versuch, Neu-Ulm weitgehend neu zu bauen, ist als „Ellenrieder-Plan“ in die Stadtgeschichte eingegangen. Auf den Trümmern der zum Ende des Zweiten Weltkriegs untergegangenen Innenstadt wollte Stadtbaurat Karl Ellenrieder mit seinem im November 1945 vorgelegten Entwurf einen wirklichen Stadtmittelpunkt schaffen. „Weil dieser hier fehlte“, argumentierte Ellenrieder, „hatte Neu-Ulm bisher das Gepräge einer Vorstadt“. Ein angemessen repräsentativer Rathausbau und -platz sollte auf dem Areal zwischen Augsburger-, Maximilian-, Kasern- und Ludwigstraße entstehen, die Ludwigstraße zur Donau verlängert werden. Der Bahnhof sollte etwa anderthalb Kilometer nach Süden verlegt werden, damit eine urbane Entwicklung des Stadtkerns bis zum Glacis möglich werde. Die „Insel“ sollte freigehalten werden für ein gemeinsames Stadttheater Ulm/Neu-Ulm. Die Wallstraße sollte vierspurig ausgebaut werden mit einer doppelten Baumreihe in der Mitte.

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Ellenrieders streckenweise visionär wirkender Plan wurde von der Technischen Hochschule Stuttgart als sehr gut und finanziell realisierbar beurteilt. Dennoch wurde er am 16. Mai 1946 im Stadtrat einstimmig zurückgewiesen. „Für den Wiederaufbau“, schreibt Hildegard Sander in der Stadtchronik, „lassen sich die Verantwortlichen vom Konzept der Gründerjahre leiten“. Ellenrieder, der eine mehrgeschossige Tiefgarage unter dem Rathausplatz anlegen wollte, wird in der Sitzung ausgelacht für seine Prognose, in wenigen Jahren würden sich die Straßen der Stadt mit Autos so verdunkeln, wie im Krieg der Himmel mit Flugzeugen. Der Baurat schied enttäuscht aus städtischen Diensten.

Mit dieser 54. Folge endet die vor einem Jahr begonnene NUZ-Reihe „Jubiläum 150 Jahre Stadt Neu-Ulm“. In dieser Zeit wurden 17 Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben der Stadt vorgestellt, darunter ehemalige Oberbürgermeister, Künstler, Ehrenbürger. In 14 Folgen wurden Bauwerke wie Edwin-Scharff-Museum, Gänstorbrücke, Kirchen, Rathäuser, auch Kunstwerke beschrieben. Alle 14 Stadtteile wurden in jeweils einer eigenen Folge abgebildet, ausgestattet mit Luft- und Detailaufnahmen. Neun Titel erfassten schließlich historische Details wie die Anfänge der Gemeinde Neu-Ulm, die Presse- und die Kinogeschichte, Autoproduktion, Kinderfeste. Damit sind längst nicht alle Themen abgehandelt, die Einblick in die mit ihren 150 Jahren recht jugendlich anmutende Stadt gewähren. Neu-Ulm hat eben eine Menge zu bieten.

Mehr von unserer Serie zum Neu-Ulmer Stadtjubiläum gibt es hier:

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