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Einblicke

11.06.2012

Im Kugelhagel auf der Klostersteige

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2 Bilder
Historiker Thomas Schuler (Mitte) zeigt die Marschrichtungen der französischen Truppen auf einer Karte.
Bild: Andreas Brücken

Thomas Schuler erweckt mit Schlachtfeldführungen in Oberelchingen die Zeit Napoleons zum Leben – das nützt auch die Bundeswehr

Thomas Schuler streckt seinen rechten Arm aus, richtet den Zeigefinger in die Ferne, lässt ihn am Horizont entlangschweifen. „Da hinten, da kamen Napoleons Franzosen damals über die Brücke“, erzählt er. Rückt seine Brille zurecht, blättert in dem dicken Buch in seiner linken Hand. Deutet auf eine alte Karte darin: „In drei Marschrichtungen haben sie angegriffen.“ Die 17 Männer und Frauen in grün-braunen Uniformen um ihn herum nicken, folgen den Blicken Schulers in das Donautal.

Wo heute die Klosterkirche in Oberelchingen friedlich auf der Anhöhe steht und Besucher die Aussicht auf die Umgebung genießen können, tobte vor über 200 Jahren ein erbitterter Kampf. Am 14. Oktober 1805 besiegte Napoleons französische Armee die zahlenmäßig überlegenen österreichischen Truppen in einem großen Gefecht. Heute führt der Ulmer Historiker Thomas Schuler Interessierte zu den geschichtsträchtigen Orten – dieses Mal eine Gruppe Offiziere und Offiziersanwärter aus Dornstadt. „Für uns ist es wichtig, auch eine militärhistorische Weiterbildung zu machen“, erklärt Major Thorsten Stehr. Um aus der Schlacht von Elchingen für heutige militärische Einsätze wie in Afghanistan zu lernen, ist er mit 16 Männern und Frauen bei der Führung. Auch ein Österreicher ist dabei – der macht gerade ein Praktikum bei ihnen.

Thomas Schuler beschäftigt sich schon seit zwölf Jahren beruflich mit Napoleon und ist so zum „Napoleon-Experten“ geworden. Er beginnt mit seinen Schilderungen in der Oberelchinger Klosterkirche. Über dem Steinfliesenboden wölbt sich der Kirchenbau aus weißen Wänden und Säulen. Üppige goldene Schleifen, Blätter und Blüten ranken sich um Bilder und Figuren. Der 42-Jährige lenkt die Blicke auf die massiven Kirchenbänke. Auf der linken Seite glänzen tiefe schwarze Kerben und Löcher im Holz. „Hier im linken Teil der Kirche haben die Franzosen gezecht und gebraten, dabei sind die Funken bis auf die Bänke geflogen“, erzählt Schuler.

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In einem Schaukasten ist die damalige Klosteranlage aufgebaut. Gelbe Wiesen, grüne Bäumchen, rote Dächer. „Nur vier der Gebäude stehen heute noch“, sagt Schuler. Er tippt mit dem Finger auf eine Ecke im Südosten der Klostermauer. „Da wurde mit Kanonenkugeln ein Loch in die Klostermauer geschossen, das sogenannte Ney-Loch – das schauen wir uns später noch an.“

Draußen vor der bronzefarbenen Gedenktafel, die an die Opfer der Schlacht erinnert, erläutert Schuler die militärischen Details der Kämpfe. Das ist natürlich besonders interessant für die Offiziere und Offiziersanwärter – sie diskutieren über günstige Stellungen und Angriffe. Für schlachtentscheidend hält Schuler den geglückten Donau-Übergang der Franzosen: Die Brücke bei Elchingen war zerstört worden, um zu verhindern, dass die französischen Truppen den Fluss überqueren konnten. Diese ließen sich davon aber nicht abhalten: „Innerhalb von einer Stunde hatten sie die Brücke so weit repariert, dass sie es probierten“, erzählt Schuler. Der erste Übergang mit einer Kanone misslang nach seinen Angaben jedoch: „Ich bin überzeugt, dass die Kanone da noch heute am Grund der Donau liegt – es hat sie nur noch niemand gefunden.“

Der zweite Übergang glückte und die Franzosen unter Feldmarschall Michel Ney griffen das Kloster und die Österreicher von drei Seiten an. Schuler führt die Gruppe zum ersten Angriffsort: die Klostersteige. Die Zivilbevölkerung floh damals den steilen Weg nach oben. Eine österreichische Kompanie hatte sich nach Schulers Erzählungen in einem Gasthaus am Fuß der Steige verbarrikadiert, sie wurde schnell überwältigt. Unten an der Klostermauer entlang, über den Napoleonweg, geht es durch den ehemaligen Klostergarten. Heute wächst hier ein wilder Urwald: Büsche, Bäume und Gestrüpp, Efeuranken und hohes Gras. Es riecht nach Regen und Erde, dunkle Wolken ziehen über das Wirrwarr aus Pflanzen. Zu Napoleons Zeiten war der Klostergarten gepflegt und bot Platz für Obstbäume und Kräuter. Zur Ebene, auf der das Kloster steht, geht es steil bergan. „Damals war das ganze Schlachtfeld in den Pulverdampf der Gewehre gehüllt“, erzählt Schuler. Der Historiker lässt die Szenen von damals lebendig werden, mit Gemälden und Berichten wie dem des Elchinger Pfarrers. Der schrieb, dass das französische Heer wie eine schwarze Gewitterwolke über den Ort hereinbrach.

Einige Meter weiter stößt die Gruppe um Schuler auf die Klostermauer. Wo nach dem Angriff der Franzosen das „Ney-Loch“ prangte, benannt nach dem französischen Feldmarschall, hängt heute nur noch ein Erinnerungsschild an der ausgebesserten Mauer. Schuler kramt in seinem Rucksack, zieht eine schwarze Kanonenkugel heraus: ein Schlachtfeldfund, rund vier Kilogramm schwer. Der Durchbruch durch die Klostermauer markiert die zweite Marschrichtung der Franzosen. Die dritte und wichtigste kam dagegen in einer hufeisenförmigen Bewegung über Unterelchingen bis zum Kloster.

Die Offiziere und Offiziersanwärter interessieren sich für die Maßnahmen der Österreicher, die – erhöht auf dem Klosterberg stationiert – eigentlich eine günstigere Ausgangslage hatten und auch zahlenmäßig überlegen waren. „In erster Linie waren die französischen Soldaten viel besser ausgebildet, die österreichischen hatten zum Teil vor dem Losmarschieren erst die Waffe in die Hand gedrückt bekommen“, erklärt Schuler. Zudem sei den Österreichern an einigen Stellen die Munition ausgegangen.

Der Historiker führt die Gruppe zu den Feldern vor der Klostermauer. Die grünen Getreideähren bewegen sich wellenförmig im Wind. Die Vorstellung des Schlachtszenarios vom Hauptangriff der Franzosen gegen die Österreicher bleibt der Vorstellungskraft des Besuchers überlassen. Vor über 200 Jahren lagen hier die Gefallenen der Kämpfe auf dem blutgetränkten Acker. Dennoch, so groß wie in einigen Büchern angegeben seien die Verluste seiner Meinung nach nicht gewesen, sagt Schuler: „Zwei- bis dreitausend Gefallene ist wohl eine zu hohe Zahl.“ Man habe die Gefallenen nicht gezählt, jedoch die Verwundeten, das seien insgesamt 646 gewesen. „Und dabei darf man eins nicht vergessen: Die Schlacht hat nur einen halben Tag lang gedauert.“

Die Offiziere und Offiziersanwärter nehmen einiges aus der Führung mit, sagt Major Thorsten Stehr: „Wir haben gesehen, wie wichtig Taktik ist – und eine gute Ausbildung. Das gilt ja nicht nur für damals, sondern auch für heutige Auslandseinsätze.“

Die nächste öffentliche Führung mit Thomas Schuler findet am Mittwoch, 13. Juni statt. Treffpunkt ist vor der Klosterkirche Oberelchingen, die Kosten betragen 8,50. Führungen sind ab fünf Personen auch individuell buchbar unter Telefon 0731/601119. Weitere Informationen: www.napoleoninbayern.de

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