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Ulm

09.08.2020

Im Liederkranz Ulm liegt der "eingebildete Kranke" auf der Bierbank

Das Akademietheater Ulm zeigt „Der eingebildete Kranke“ von Molière im Kulturbiergarten Liederkranz in der Ulmer Friedrichsau. Die Premiere ist vollauf gelungen. Im Bild: Theodoros Tsilkoudis als Argan und Julia Ebert als Angelique.
Bild: Ralph Manhalter

Der Klassiker von Molière mal anders: Das Akademietheater Ulm hat unter ungewöhnlichen Bedingungen ein herzerfrischendes Stück auf die Bühne gebracht.

Die Vorbereitungen waren außergewöhnlich, die Atmosphäre im Liederkranz in Ulm ist es auch: Jetzt hat das Akademietheater Ulm mit "Der eingebildete Kranke" Premiere in der Friedrichsau gefeiert. Und wie war's?

Der Autor, so sagt man, sei noch im Kostüm der Hauptrolle den Strapazen seines Schaffens erlegen. Vielleicht war es auch die gespielte Hypochondrie, welche Jean Baptiste Poquelin den Puls ins Exorbitante steigen ließ, sodass selbst ein gestählter Körper seiner elementaren Funktionen verlustig gerät. Poquelin, welcher sich nach ersten Theatermeriten den Namen Molière gab, beabsichtige mit seinem Stückchen, dem zeitgenössischen Publikum einen Spiegel sowohl vor die bürgerliche als auch die adlige Nase zu halten. Le malade imaginaire, wie ihn noch so manch ehemaliger Französischschüler aus längst vergangenen Unterrichtstagen kennt, dessen Stoff wohl nie an Aktualität einbüßen wird, dieser eingebildete Kranke des großen Franzosen durfte auch auf dem Spielplan des Ulmer Akademietheaters nicht fehlen.

Für die Proben zu "Der eingebildete Kranke" blieben nur vier Wochen

Ganze vier Wochen blieben Zeit für die Proben, gibt der Regisseur und Theaterleiter Ralf Rainer Reimann zu. Die unumgänglichen Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie forderten hier gnadenlos einen zeitlichen Tribut. Umso mehr erstaunt, ja verzückt, das Ergebnis dieses zweifelsfreien Kraftaktes. Natürlich stimmte die Gesamtorchestrierung des Abends, natürlich war mit dem Kulturbiergarten im Liederkranz eine Location besonderer Atmosphäre gewählt und selbstverständlich trug auch das milde Wetter seinen Teil zum Gelingen bei.

Im Liederkranz Ulm liegt der "eingebildete Kranke" auf der Bierbank

Die Komödie von Molière wurde gekürzt, was der Qualität keinen Abbruch tut

Das alles waren jedoch nur – obwohl in ihrer Singularität wirklich nicht zu verachtende Faktoren – Begleitung einer durch und durch gelungenen Aufführung. Dabei vermochte es Reimann, die Komödie auf ein zuschauerfreundliches Maß zu kürzen und auch so manchen im Original auftretenden Charakter auszusparen. Was aber sowohl der Konsistenz als auch der Tiefe des Dargebotenen keinen Abbruch tat.

Prächtig in der Rolle des berufshypochondrischen Argan, Theodoros Tsilkoudis. „Unser Grieche“, wie Reimann mit einem Augenzwinkern vermerkt. Wohl deshalb, weil er als Einziger auf der Bühne schwäbisch schwätzt und auch sonst mit Schmeicheleien nicht gerade spart: Blutegel, Godzilla und Mottenkugel und andere Nettigkeiten gehören zum Vokabular, mit dem Toinette, die gute Seele des Hauses, ebenfalls herzerfrischend listig Barbara Schmidt, tituliert wird. Die Hierarchie im Hause Argon steht somit schon von Anfang an fest.

Das ist die Geschichte von "Der eingebildete Kranke"

Die Thematik ist so alt wie das Drama selbst: Die Tochter liebt einen jungen Mann, der Vater möchte sie jedoch, stets mit unverblümtem Eigeninteresse verbunden, anderweitig verheiraten. Doch entgegen späterer Tragödien des 18. Jahrhunderts löst sich bei Molière alles in Wohlgefallen auf. Angelique – vom einheimisch parlierenden Vater stets Angelika genannt und im Übrigen ausdrucksstark von Julia Ebert gespielt – wehrt sich gegen diese Bevormundung. Der als Bräutigam vorgesehene Dr. Purgon (Lars von Kiedrowski) erscheint moralisch und emotional retardiert und zeigt sich nur am Vermögen des Argan interessiert. Aber er ist Mediziner und das ist das Einzige, was in den Augen des dauerleidenden Hausherren interessiert. Claudia Steiner als Argans zweite Ehefrau Belinde sowie Andreas Laufer als wahre Liebe Angeliques vervollständigen das Sextett auf der Bühne.

Die Bühne im Liederkranz musste denkbar einfach gestaltet sein

Diese bestand aus lediglich zwei Biertischgarnituren, musste, ja dürfte gar nicht aufwendiger gestaltet sein. Die Premiere im Liederkranz verlief so, wie es die zahlreichen Lacher während der gutbesuchten Aufführung verhießen. Ein herzerfrischendes Stück in einer Zeit, in der die Menschen nach Gesellschaft und niveauvoller Unterhaltung lechzen. Das Akademietheater hat hier einen Bildungsauftrag mit Bravour erfüllt.

Das sind die weiteren Termine für die Aufführungen in der Friedrichsau

Sonntag, 9. August, Donnerstag, 13. August, Freitag, 14. August, Mittwoch, 19. August, und Sonntag, 23. August, jeweils um 20 Uhr im Kulturbiergarten Liederkranz in der Ulmer Friedrichsau.

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