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Musical

30.05.2011

Im Reisregen der Strapsparade

Als umjubeltes Freilichtspektakel ist Richard O’Brien’s Kultmusical „The Rocky Horror Show“ auf der Ulmer Wilhelmsburg über die Bühne gegangen. Unser Revuemotiv zeigt Henrik Wager als „Frank’n’furter in Gurupose.
Bild: Foto: Anita Pinggera

The Rocky Horror Show hat den Theatersommer auf der „Wilhelmsburg“ eröffnet

Ulm Die Burg erstrahlt: Sie ist Amphitheater, Volksfestplatz, bunt geschecktes Planetarium und lichtkreiselndes Raumschiff. Und die Burg rockt: Denn mit „The Rocky Horror Show“ ist der Theatersommer auf der Wilhelmsburg in zündender Musicalmanier über die Bühne gegangen. Der kultige Funkenschlag der Inszenierung von Daniel Ries sprang sofort auf das Publikum über, das zum begeisternden Mitspieler wurde.

Das Ding hat schon 38 Jahre auf dem Buckel und ist mit seinen fetzigen Ohrwürmern und seinem lustvollen Korsagenstil noch immer ein Publikumsmagnet quer durch die Geschlechter. Männer in Netzstrümpfen nehmen auf der überdachten Zuschauertribüne Platz. Frauen sind grell geschminkt. Wer das nicht mitmacht, wird dennoch toleriert – und sitzt inmitten eines kunterbunten Sperrfeuers, das die abgekühlten Fieberkurven der Fangemeinde des Glam-Rock unverdrossen wieder aufflackern lässt.

Als Erzähler Karl Heinz Glaser die gewittrige Rahmengeschichte der Reifenpanne, der im weißen Oldtimer-Cabrio hereinkurvenden Verlobten Brad (Fabian Gröver) und Janet (Tini Prüfert), an der Seite seiner putzigen Gebärden-Assistentin (Raphael Westermeier), aufbaut, da düsen feuchte Salven aus Spritzpistolen von Publikum zu Publikum. Schon in der Intro, wo Paul Glaser und Julia Gámez Martin im unschuldigen Nonnenkostüm ihrer „Science Fiction“-Nummer die Spätvorstellung eines Kinoabends markieren, hagelt es Reiskörner in sämtliche Kleidungsritzen und Sitzschalen.

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Franks Verführungskünste wirken bis in den Rollstuhl

Wenn Horror-Schöpfung „Rocky“ (Volkram Zschiesche) in der muskelbepackten Figur eines güldenen Adonis seinen Song „Das Schwert des Damokles“ in die Arena schmettert, flattern beim „Wenn Du Dich schlecht fühlst“ kiloweise Klopapierschlangen über die Tribünenreihen. Und Rätschen, Rasseln und lautstarke Zuschauerrufe begleiten an allen Ecken und Enden das Spektakel um den außerirdischen Spitzentransi „Frank’n’furter“ (Henrik Wager), in dessen lüsterne Fänge das nette Pärchen Brad und Janet geraten sind.

Der 1975er Film als „Picture Show“ (mit Tim Curry) und das nostalgische (Musical-)Event als Solches sind für Regisseur Daniel Ries zwei gewaltige Antriebsfedern. Herausgekommen im Open Air auf der Wilhelmsburg ist ein ebenso saftig wie subtil sich ausbreitendes Rock-Musical, dessen Kultcharakter in der malerischen Freilichtspielstätte auch ohne viel ironisierendem Hintersinn noch immer zu spüren ist. Bühnenbildnerin Britta Lammers ist mit dem gewölbten Tummelplatz, der unter den Fittichen von Keyboarderin Ariane Müller fabelhaft abgeschottet rockenden, fünfköpfigen Band (mit Gitarrist Matthias Freund, Tenorsaxer Ralf Ritscher, Basser Frede Ferber und Drummer Norberd Jud) ein glitzerndes Herzstück geglückt, das Teutonia-Konzertmuschel, Kirmes-Kabinett und Spukschloss in einem ist. Vom Vorhang aus verläuft eine schwarze Action-Rampe wie ein Laufsteg auf die Zuschauertribühnen zu, der die weiträumige Spielfläche in zwei Hälften aufteilt, die durch zwei kreisrunde Erzählinseln illustrativ vernetzt sind.

In diese bis ins hohe Eckfenster (etwa bei Rockys Transformation) raumgreifend ausgelotete Rocky-Arena düsen Brad und Janet nach ihrem hauchzarten Lippenbekenntnis im weißen Oldtimer-Cabrio herein, ist Eddie (Antonio Lallo) vor seiner Zerstückelung durch Frank auf knatterndem Motorrad der geile Elvis („Hot Patootie“), wozu Saxer Ralf Ritscher für ein heißes Solo an die Rampe herauskommt, stürzen Franks Verführungstriebe Braut und Bräutigam ins Chaos und gibt der skurrile Dr. Scott (Antonio Lallo) diesem „Frank’n’furter“ vom Rollstuhl aus schwäbelnden Zunder, um am Ende doch im Rolli aufgerichtet sein hautenges Strapskostüm aus dem Ärmel zu schütteln.

Malerisch illuminierte Moulin-Rouge-Szenerie

„Frank’n’furter“ ist Henrik Wager mit seiner unschlagbaren Musicalstimme, die Juila Gámez-Martin und Columbia (Juliane Dreyer) kolorös flankieren. Er stolziert wie ein bonbonfarbiger Rockhammer („Sweet Transvestite“), flankiert von seiner Phantomtruppe (Choreografie: Roberto Scafati) in nächtlich illuminierter Moulin-Rouge-Szenerie, wo er als Meister aller Materializer die ganze Welt in eine honkytonkselige Strapsparade verwandelt. Dann, wenn Transi-Guru durch die Revolte seines unterwürfigen Hinkebeins Riff-Raff, der sich zum platinglitzernden Alien und Laserkanonenfetischisten mausert, unter urgewaltigen Zuckungen sein Schicksal erleidet, hat der Regisseur zwar nicht mit Laserspots, aber mit einem pyrotechnischen Kraftakt einen illustren Knaller im Finale, das Magendas sinnlich roten Kussmund per Videoeinspielung zum Anfang und Ende dieser gloriosen „Spätvorstellung“ auf der Burg macht.

Musicalshow Richard O’Briens The Rocky Horror Show spielt auf der Ulmer Wilhelmsburg wieder am heutigen Samstag sowie am Sonntag, 29. Mai, jeweils um 21 Uhr. Ab Freitag, 3. Juni folgen bis Donnerstag, 14. Juli noch weitere zehn Vorstellungen.

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