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Serie (8)

12.10.2017

In diesem Fachwerkhaus ist die Eiszeit lebendig

Tägliche Führungen im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren beantworten die wichtigsten Fragen rund um die neue Unesco-Auszeichnung für Alb-Höhlen.
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Tägliche Führungen im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren beantworten die wichtigsten Fragen rund um die neue Unesco-Auszeichnung für Alb-Höhlen.
Bild: Gerrit R. Ranft

Das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren ist so etwas wie das Zentrum des regionalen Welterbes

Sechs Höhlen der ältesten Eiszeitkunst im Ach- und Lonetal stehen seit 9. Juli auf der Welterbeliste der Unesco. Der Löwenmensch, die Venus vom Hohle Fels, ein Mammut aus Elfenbein und viele andere wertvolle Kunstwerke wurden dort entdeckt. In einer losen Serie stellten wir die Fundorte vor. Heute der letzte Teil über das Urgeschichtliche Museum Blaubeuren (Urmu).

Das Urmu in Blaubeu-ren gilt als Schwerpunktmuseum für Eiszeitkunst in Deutschland. Auf gut 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche präsentiert es im historischen „Spital zum Heiligen Geist“ am Kirchplatz die ältesten Kunstwerke und Musikinstrumente der Menschheitsgeschichte großenteils im Original. Der Rundgang durch mehr als zwanzig Räume und Kabinette auf zwei Stockwerken versetzt den Besucher zurück in die Zeit vor 40 000 Jahren.

Mitten hinein in eine Zeitenwende, in den Übergang vom Neandertaler zum modernen Menschen, führt der Besuch. Begreifen kann der Gast hier, was damals im Kopf des Menschen passierte, als sich in Höhlen und Grotten um Blaubeuren die weltweit einzigartige Eiszeitkunst entwickelte. Um diesen ungeheuerlichen Vorgang zu begreifen, muss der heutige Mensch erst mal den Kopf freibekommen. Er muss ablegen, was er mit sich herumschleppt an Bildung, Wissen, Information, alles, was hunderte Generationen vor seiner Zeit angehäuft haben. Nichts von all dem besaß der Eiszeitmensch.

Er lebte in und mit der Natur und ließ es geschehen – bis sich vor 40 000 Jahren am Südrand der Schwäbischen Alb, in den Flusstälern von Ach und Lone, ein neues Zeitalter auftat. Der Mensch machte sich daran, etwas herzustellen, zu erfinden – einfache Dinge zunächst, bald aber Werkzeuge, später Kunst, auch mythische Figuren und Schmuck, sogar Musikinstrumente. Aus dem Nichts heraus entstand Neues. Irgendeiner hat irgendwann den Anfang gemacht –eine Kulturleistung ohne Beispiel. Was später kam, war eigentlich immer nur Wiederholung oder Verbesserung. In dieser Weise vorbereitet tritt der Besucher den Rundgang an. In der ehemaligen Kapelle des Spitals, die an den Wänden rundum noch ihre spätgotischen Malereien zeigt, legt er ab, was ihn heute prägt. Denn um wirklich in der Eiszeit „anzukommen“, muss er sich vor Augen führen, was der Urzeitmensch besaß – nämlich nichts außer dem, was er am Leib trug. Alles musste er sich selbst erarbeiten, erstmals erfinden, ständig neue Ideen entwickeln. Bei einer geschätzten Bevölkerungszahl von höchstens dreißig modernen Menschen in den Höhlen um Blaubeuren waren hilfreiche Nachrichten von außerhalb kaum zu erwarten.

Die Eiszeitleute mussten mobil sein. Sie lebten vom Sammeln und vom Jagen, folgten den Herden von Mammut und Rentier, sobald sie weiterzogen. In der Folge blieben ihre Wohnhöhlen durchaus mal ein halbes Jahrtausend unbewohnt, ehe eine andere Großfamilie einzog. Es herrschte zwar ein ständiges Kommen und Gehen, aber eben in großen Zeitabständen. Daraus erklären sich auch die verschiedenen Bodenschichten der Höhlen, in denen die Archäologen seit Jahrzehnten graben und finden. Verständlich wird dann auch, dass Schnitzereien wie die „Venus vom Hohle Fels“ oder die Flöten vom Geißenklösterle zurückgelassen wurden. Die Menschen konnten wegen fehlender Transportmittel wenig mitnehmen auf ihren Wanderungen. Das Rad war noch nicht erfunden. Auch werden Arbeiten, die heute als Kunstwerke bestaunt werden, in der Eiszeit eher dem alltäglichen Gebrauch oder einem bestimmten Ritual gedient haben. Änderten sich die Bedürfnisse und Vorstellungen, verlor das zugehörige Gerät seinen Wert und blieb zurück. Heute gelten sie als die ältesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Das Blaubeurer Museum präsentiert sie.

Der Museumsbesucher wandert von Raum zu Raum, dringt in unvorstellbare Zeiträume ein. Auf Landschaftsbildern entdeckt er Höhlen und Grotten, steigt virtuell in sie ein. Videos berichten vom Alltag der Urzeitmenschen in der Sirgensteinhöhle. Im Obergeschoss des Urmu liegen die eigentlichen Schatzkammern. In ihnen sind tatsächlich die Originalfunde versammelt – die 40 000 Jahre alte „Venus vom Hohle Fels“, der Wasservogel und der kleine Löwenmensch aus derselben Höhle, dazu die Flöten vom Geißenklösterle und aus dem Hohle Fels. Hinzu kommen Nachbildungen in Mammutelfenbein zu anderen Funden, auch aus anderen Grotten.

Am Ende findet der Gast sich an einem dreidimensionalen Modell der Landschaft von Ach- und Blautal. Zwischen urtümlichen Eiszeithöhlen rattert die Eisenbahn von Ulm über Blaubeuren nach Sigmaringen und zurück. Zugleich sind Mammutherden und ihre Jäger zu sehen. Der Museumsgast ist wieder zurück in der Gegenwart.

15. März bis 30. November, dienstags bis sonntags und feiertags 10 bis 17 Uhr, Winterzeit dienstags und samstags 14 bis 17 Uhr, sonntags 10 bis 17 Uhr. Telefon 07344/ 966990. Für Jugendgruppen und Schulklassen veranstaltet das Urmu Reisen zurück in die Steinzeit. Sie erfahren, wie die Menschen vor 40000 Jahren lebten.

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