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Ulm

16.12.2020

Ischgl - die Partnergemeinde von Sodom und Gomorrha

Kaputter Skistiefel vorne und kaputte Typen im Hintergrund: Eine Installation aus der Ulmer Ausstellung.
Bild: Dagmar Hub

Plus Das Museum Ulm baut eine Schau über die Auswüchse des Skitourismus auf und hofft, sie irgendwann zeigen zu können.

Es ist eine erstaunliche Idee: Mitten in Zeiten sehr hoher Infektionszahlen, die eine Öffnung der Museen unmöglich machen, richtet das Museum Ulm eine Ausstellung ein in der Hoffnung, sie irgendwann bis zum 11. April dem Publikum doch noch präsentieren zu können. Dabei sind die Fotos, die Videos und die Installation der Ausstellung „Alpenglühn“ des Tiroler Fotografen Lois Hechenblaikner hoch aktuell: Sie zielen auf Exzesse des Skitourismus, und dabei im Besonderen auf Ischgl und die bizarren Auswüchse des dortigen völlig enthemmten Après-Ski-Betriebes. Hechenblaikners im Frühjahr erschienener Fotoband „Ischgl“, der eine der Grundlagen der Ausstellung ist, zeigt den Tiroler Skiort im wahrsten Sinn des Wortes als nacktes Grauen. Brisant: Auch nach Ulm kam das Coronavirus erstmals über Ischgl-Touristen, die sich dort infiziert hatten.

Eine Art „Partnergemeinde von Sodom und Gomorrha“ nennt der 62-jährige Lois Hechenblaikner Ischgl. Geboren 1958 im Tiroler Alpbachtal, aufgewachsen auf einer Alm, während seine Mutter im Tal eine einfache Pension mit zwei Duschen betrieb, dokumentiert der Fotograf und gelernte Barista den Wandel seiner Heimat durch einen degenerierten und enthemmten Tourismus. Denn gegen Tourismus ist Hechenblaikner keineswegs – aber menschenwürdig muss er sein, wie der Fotograf sagt. Auf seinen Bildern hält er bewusst Obszönes fest: Einen alkoholseligen Touristen, der sich Champagner in die Pofalte gießen lässt – und jede Menge anderer Szenen aus dem „hormonellen Second Hand-Markt“, die nicht einfach verdaulich sind.

Palmen, Schnee und Unterwäsche- in Ischgl passt das zusammen.

In einem Bereich der Ausstellung stellt Lois Hechenblaikner – wie in seinem Buch „Hinter den Bergen“ – Szenen des früheren Tiroler Alltags dem Skitourismus entgegen. Er tut das gänzlich, ohne zu romantisieren. Lois Hechenblaikner weiß um die Armut, die in Tirol früher herrschte. Seine Schwarz-Weiß-Bilder der Tiroler Bergtäler von einst wollen nicht diese Kargheit beschönigen; sie sind einfach deshalb schwarz-weiß, weil man die Welt damals noch nicht per Farbfilm abbilden konnte.

Umso krasser sind die Gegensätze, die Hechenblaikner schafft: Die Kuh vor dem schwarz-weißen Alpenpanorama steht in fast exakt der gleichen Haltung hangaufwärts wie die aufgeblasene rosa Plastikkuh auf der Skipiste. Die Massen an aufgestellten Skiern gleichen einem alten Staketenzaun auf verblüffende Weise, und der hölzerne Hühnerstall wird kombiniert mit dem bunten „Happy Chicken“-Imbissstand. Subtil kommen diese Kombinationen daher, ironisch wie in der Bild-Kombination der drei Frauen am Spinnrad mit den drei Frauen am Radtrainer im Fitnessstudio.

Manchmal spiegelt sich in ihnen auch beißender Sarkasmus, vor allem dann, wenn Hechenblaikner katholische Traditionen wie eine Marienprozession in verblüffend ähnlicher Aufstellung einer Après-Ski-Szene des Table Dance gegenüberstellt. Das wohl krasseste Beispiel: Hansi Hinterseer grüßt vom Ruderboot aus mit erhobenem rechten Arm die Massen seiner Anhänger am Ufer des Gewässers. Gegenüber und im gleichen Bilderrahmen, aber – weil Gemälde und natürlich nicht alte Fotografie – staunt der Betrachter über eine Nazarener-Darstellung, auf der Christus mit erhobenem rechten Arm vom Ruderboot aus zu seinen Anhängern spricht.

Fünf Tonnen Skimüll türmen sich im ersten Stock des Alpinen Museums. So groß ist die Müllernte einer Wintersaison, die der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner für die Ausstellung «Intensivstationen» zusammengetragen hat.
8 Bilder
Die hässliche Seite von Tirol
Bild: Lois Hechenblaikner

Einen eigenen Raum im Ulmer Museum hat eine Installation Hechenblaikners für sich: Der Boden ist bedeckt mit den Sohlen kaputter Skistiefel, und in einer Ecke häufen sich die gebrochenen Plastik-Skistiefel auf. Im Hintergrund laufen wortlos die Après-Ski-Bilder aus Ischgl. Auf einem Video im gleichen Raum lässt ein Gerät solche kaputten Plastikstiefel auf einen Haufen fallen, einen nach dem anderen. Im Hintergrund türmen sich, säuberlich getrennt, Berge unbrauchbar gewordener Skier und Skistöcke.

Ein leichtes Leben hat er nicht, sagt Lois Hechenblaikner, der in seinem jüngsten Buch auch Polizeiberichte verarbeitete. Er versteht nicht, warum Alkoholexzesse auf der Piste erlaubt sind, warum alle wegschauen. Der Nestbeschmutzer wird nicht geliebt bei denen, die von den vulgären Exzessen der Partymeilen profitieren. Notwendig und wahrhaftig sind seine Arbeiten aber gerade trotzdem.

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