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Ulm-Donautal

25.01.2021

Ist Schlachten ohne Tierleid möglich? Ein Besuch im Schlachthof

Betäubt kommt dieses Tier aus der CO2-Gondel, ein Arbeiter hängt es mit einer Anschlingkette an der Rohrbahn auf. Später wird das Tier aufgeschnitten und entblutet.

Plus Bis zu 6000 Schweine am Tag werden im Ulmer Donautal geschlachtet. Was heißt das für das Tierleid? Ein Besuch im Schlachthof - und was ein Amtstierarzt sagt.

In einer Bucht mit Fußbodenheizung und grünen Wänden liegen Schweine, eins hat den Kopf auf den Bauch eines anderen gelegt. Die Augen sind geschlossen, ein Tier blinzelt. In einer Bucht ein paar Meter weiter kommt warmes Wasser aus einer Sprinkleranlage, Schweine duschen grunzend. Zwischen den Buchten verläuft ein Gang. Dort geht ein Mann. Er rasselt und klatscht mit einem Paddel auf die Wände. Tiere laufen vor ihm her.

Haben sie Angst? Wissen sie, dass sie gleich sterben werden? „Da gehen wir von der menschlichen Psyche aus“, sagt Dr. Thomas Ley. „Die Tiere merken, dass etwas ungewöhnlich ist. Alles andere wissen wir nicht.“ Ley, 59 Jahre alt, ist Leitender Stadtveterinärdirektor in Ulm. Er und seine Kollegen überwachen die Arbeit am Schlachthof im Donautal. In drei Schichten, von Sonntag, 17 Uhr, bis Samstag, 15 Uhr, achten sie darauf, dass die gesetzlichen Vorgaben für den Tierschutz eingehalten werden. Die Schweine und Rinder, deren Leben im Ulmer Schlachthof zu Ende geht, sollen bei ihrem Tod kein Leid erfahren und keine Schmerzen haben.

Tierschützer decken immer wieder Missstände in Schlachthöfen auf

Schweine mögen es warm, darum die Fußbodenheizung. Die Wände sind grün, weil die Tiere diese Farbe aus den Ställen kennen. Die Dusche soll die Tiere nach dem Transport beruhigen. Zwei Stunden nach ihrer Ankunft werden sie betäubt. Wenn die Schweine nichts mehr spüren, werden ihre Körper aufgeschnitten. Die Tiere sterben durch Blutverlust. 4,2 Liter Blut hat ein Schwein. Wenn es 2,2 Liter Blut verloren hat, wacht es nicht mehr auf.

Bis zu 6000 Schweine am Tag werden im Donautal geschlachtet. Die Tiere sollen dabei keine Schmerzen erfahren müssen. Ein Amtstierarzt sagt: Das Risiko für Missstände liegt nicht bei Großbetrieben wie dem in Ulm.
12 Bilder
Ein Rundgang durch die Schweineschlachtung des Ulmer Schlachthofs
Bild: Alexander Kaya

„Ganz klar: ja“, sagt Stadtveterinärdirektor Ley, die gesetzlichen Tierschutz-Vorgaben würden im Ulmer Schlachthof eingehalten. Andernorts sind sie immer wieder missachtet worden. Die „Soko Tierschutz“ veröffentlichte Filmaufnahmen aus dem inzwischen geschlossenen Biberacher Schlachthof, sie sollen im Herbst 2020 entstanden sein. Die Aufnahmen sollen unter anderem zeigen, wie das Töten von Rindern durch fehlerhafte Bolzenschussgeräte für die Tiere qualvoll in die Länge gezogen wurde.

Das „Deutsche Tierschutzbüro“ machte Aufnahmen aus dem Sommer 2020 aus einem Schlachthof in Neuruppin bei Berlin öffentlich. Die Schweine würden getreten, geworfen und mit Harken geschlagen, schreibt der Nordkurier über das Video. Der Betrieb räume die Vorwürfe ein. „Ich frage mich immer: Wie vieler Skandale bedarf es noch?“, sagt Ley. In Ulm, betont der Veterinär, sei die Überwachung streng und genau. „Wenn man ehrlich genug ist, muss man anerkennen, dass die kleinen und nicht die großen Betriebe das Risiko sind“, sagt Ley. Dort, wo nicht jeder Handgriff mit Kameras überwacht wird.

Fleisch aus dem Ulmer Schlachthof ist vom Deutschen Tierschutzbund zertifiziert

Fleisch aus dem Ulmer Schlachthof ist vom Deutschen Tierschutzbund zertifiziert, das Label „Für mehr Tierschutz“ wird für den gesamten Prozess der Fleischherstellung vergeben. Sprecherin Hester Pommerening sagt: „Es bleibt ein totes Stück Fleisch. Aber wir halten den Weg, den das Tier gegangen ist, für vertretbar.“ Ein unabhängiger, vom Tierschutzbund geschulter Auditor komme zwei bis vier Mal im Jahr auf den Schlachthof und überprüfe die Einhaltung der Vorgaben.

Thomas Ley hat die Arbeit im Ulmer Schlachthof seit fast eineinhalb Jahrzehnten im Blick. „Wir müssen neutral sein und wir sind es auch“, betont er. An die 50 städtische Beschäftigte sind in die Kontrollen eingebunden. Sie überprüfen die lebenden Tiere und die toten Körper, nicht alles darf zu Lebensmitteln verarbeitet werden. Zusätzlich beschäftigt der Schlachthof eigene Mitarbeiter für den Tierschutz und die Qualitätssicherung. „Wir tun das nicht, weil wir das müssen. Sondern weil wir davon überzeugt sind“, sagt Stephan Lange.

Edeka ist der größte Kunde des Schlachthofs im Donautal

Lange ist einer der Geschäftsführer des Süddeutschen Schweinefleischzentrums Ulm und der Ulmer Fleisch. Beide Firmen gehören zur Müller Gruppe aus Birkenfeld bei Pforzheim, beide haben ihren Sitz im Donautal. Der Schlachthof dort ist der größte Betrieb seiner Art in Süddeutschland, 700 Menschen arbeiten dort. Jeden Tag werden dort 5000 bis 6000 Schweine und 450 bis 500 Rinder geschlachtet. Den Umsatz beider Ulmer Firmen beziffert Lange auf gemeinsam 450 Millionen Euro im Jahr. Edeka Südwest und Edeka Südbayern zählen zu den größten Kunden, aber auch die Fleischwerke Zimmermann in Thannhausen beziehen ihr Fleisch von dort und die Metzger aus dem Kreis Neu-Ulm schlachten in Ulm.

Der Schlachthof ist regelmäßig im Visier von Tierschützern. Animal Rights Watch veranstaltete bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie Mahnwachen vor dem Gelände, Peta zeigte den Betrieb und zwei Dutzend weitere Schlachthöfe im August 2016 ergebnislos an, weil die Schweine mit Kohlenstoffdioxid betäubt werden – das reiche nicht aus.

Die Schweine werden mit CO2 betäubt

Dieses Verfahren wenden sie in Ulm noch immer an, Tiermediziner Ley hält das für die richtige Entscheidung. Denn die Schweine werden in Gruppen in die CO2-Gondeln getrieben, wo sie durch das Gas betäubt werden. Die andere Möglichkeit sei, Schweine mit einer Elektrozange zu betäuben, so Ley. Diese Methode aber sei belastender: „Es ist schon deshalb Stress, weil man ein einzelnes Tier herausholen muss“, erklärt der Amtstierarzt.

Das Gelände des Ulmer Schlachthofs im Donautal. Der Betrieb gehört zur Müller Gruppe, die 2019 fünftgrößter Schweineschlachter in Deutschland war.
Bild: Alexander Kaya

Die Körper der Schweine, die eben noch durch den Gang gelaufen sind, rutschen betäubt auf ein Fließband. Ein Arbeiter greift das erste Tier am Bein und hängt es mit einer Anschlingkette an der Rohrbahn auf. Der nächste Mann drückt mit einem Finger ins linke Auge des Schweins. Keine Reaktion. Dieser Schritt ist einer, der ihnen wichtig ist am Schlachthof im Donautal.

Pro Tag werden in Ulm bis zu 6000 Schweine und bis zu 500 Rinder geschlachtet

Ein Druck aufs Auge soll zeigen, ob die Betäubung ausgereicht hat.
Bild: Alexander Kaya

Wer sich selbst ins Auge greift, zuckt mit den Lidern. Wenn ein Schwein auf den Fingerdruck hin eine Reaktion zeigt, hat die Betäubung durch CO2 nicht ausgereicht. Dann greift der Arbeiter zu einem Bolzenschussgerät und betäubt das Tier noch einmal. Ein dritter Arbeiter sticht das Schwein auf, ein vierter schneidet den Brustkorb auf. Blut rinnt aus dem Tier. Wenn eine Waage misst, dass ein Schwein zu wenig Blut verloren hat, folgt ein zweiter Schnitt. Kein Tier soll aus der Betäubung erwachen und unter Schmerzen sterben. „Wir wollen lieber 100 Mal am Tag unnötig wiederbetäuben als einmal zu wenig“, sagt Stephan Lange.

Der Geschäftsführer sagt, er könne nicht verstehen, warum manche Betriebe die Tierschutzregeln missachten. Schon allein aus wirtschaftlichen Gründen: „Die meisten Schlachthöfe haben kein Interesse an gequälten Tieren, denn die wollen ja ihr Fleisch verkaufen.“ Er sagt: „Wir können kein Tier wieder gesund machen, wir können es nur schonend behandeln.“ Doch Tierschutz koste Geld und Betriebe müssten wirtschaftlich arbeiten. „Da braucht man industrielle Anlagen“, findet Lange.

Der Ulmer Schlachthof gehört zur Müller Gruppe aus Birkenfeld

Im Ulmer Schlachthof geben sie einen zusätzlichen Bonus für gesunde Tiere aus. „Wir zahlen für Selbstverständlichkeiten Geld“, betont der Geschäftsführer. Es gibt einen Euro pro Schwein, doch sobald ein Tier bei der Lebendkontrolle beanstandet wird, fällt der Bonus für die gesamte Anlieferung weg. Ein Euro klinge nach wenig, sagt Lange. Doch auf die Menge gerechnet sei es viel Geld für die Erzeuger, die pro Kilo Schweinefleisch derzeit zwischen 1,19 Euro und 1,25 Euro bekommen. Der Bonus solle ein Anreiz dafür sein, dass auch in den Höfen auf das Tierwohl geachtet werde.

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23.01.2021

Was den Tieren in den Schlachthöfen angetan wird, ist kaum in Worte zu fassen. Wer nicht auf sein Steak verzichten möchte, sollte lieber beim kleinen Bio-Bauern einkaufen und etwas mehr ausgeben, dort kann er sich auch ansehen, wie die Tiere gehalten werden und dann entscheiden, ob er das Steak nimmt oder nicht. Für mich kommt das jedenfalls nicht mehr in Frage. Inzwischen ist eindeutig bewiesen, dass Tiere ähnliche Gefühle haben wie wir, Empathie und Mitleid empfinden, sich gegenseitig helfen und sich trösten. Ich lebe seit vielen Jahren vegan und mir geht es sehr gut dabei.

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