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Ulmer Zelt

30.06.2017

Jenseits der Zeit

Introvertierter Künstler: der Pianist Martin Kohlstedt.
Bild: Florian L. Arnold

Martin Kohlstedt nimmt das Publikum mit seinen Klangexperimenten gefangen – und überrascht sich auch selbst

Martin Kohlstedt sitzt am Klavier, ein hagerer Mensch, der, wenn er ins Mikrofon spricht, den Blickkontakt zum Publikum zu meiden scheint. „Wir können jetzt anfangen“ sagt er. Da ist schon eine halbe Stunde vergangen, in der er seine Kunst der minimalistisch-poetischen Klangerkundungen aufs Publikum einwirken ließ. Für ihn aber erst das Warmspielen, oder wie er es nennt, „das Ankommen“. Sobald er aber die Finger auf die Tasten setzt, geht eine Verwandlung bei dem Pianisten vor sich: Dann wirkt er gelöst, er lächelt, lässt sich davontreiben von den Klängen, die er erschafft. Angekündigt war ein Klavierkonzert. „Falsch gedacht“, lächelt Kohlstedt in sich hinein. Alles andere als ein übliches Klavierkonzert lieferte er im Ulmer Zelt vor – leider – kleinem Publikum ab. Eher einen Rausch, ein ständig sich wandelndes Erlebnis von Ruhelosigkeit, Klangexperiment und Improvisationskunst.

Der Flügel und der Synthesizer klanglich Seite an Seite erzeugen einen Fluss von Stimmungen und Melodien irgendwo zwischen Suspense-Filmmusik, Daft-Punk-Echos und Yann-Tiersen-Humor. Die Stücke haben oft nur einen Buchstaben als Titel, „L“ beispielsweise ist eine fröhlich tänzelnde Weise, die einen an Sommer und Heiterkeit erinnert, „W“ hingegen mäandert zwischen nachdenklicher Raumerforschung und düster-rätselhaftem Elektro-Sound. „Modular“ nennt er seine Stücke, die er, je nach Stimmung, neu zusammensetzt, mit neuen Anschlüssen und Variationen versieht. Im Zelt scheint er sich selbst ein Rätsel aufzugeben. Mitten im Konzert blickt er nachdenklich vor sich hin: „Wo bin ich jetzt hingeraten? Das ist ganz komisch gerade. Ganz neben der Spur.“ Er sieht das Klavier an, den Synthesizer. „Wartet mal, lasst mich mal machen“, sagt der Musiker, spielt ein paar Töne, fügt einen elektronischen Beat hinzu – und ist wieder mitten in seinem Element. Die Musik nimmt ihn gefangen, ebenso das Publikum. Das Vergehen der Zeit vergisst man, ganz erstaunt nahm wohl mancher den Schlussapplaus wahr. Große Kunst. (flx)

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