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Neu-Ulm

19.08.2014

Junge Ärzte braucht das Land

Noch gibt es im Landkreis keinen akuten Hausärztemangel. Doch das könnte sich schnell ändern.
Bild: Alexander Kaya

Bei der medizinischen Versorgung steht der Landkreis gut da. Doch die Kassenärztliche Vereinigung warnt vor drohenden Lücken.

Wer nachts in Nersingen dringend einen Arzt braucht, muss sich womöglich ein wenig gedulden. Vor Kurzem haben Neu-Ulmer Mediziner den Bereitschaftsdienst für die Gemeinde übernehmen müssen, da sich dort nicht mehr genügend Kollegen gefunden haben. Nersingen ist kein Einzelfall: Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) warnt vor Nachwuchsmangel bei Haus- und Fachärzten. Der Landkreis Neu-Ulm steht vergleichsweise noch gut da. Würden jedoch alle Ärzte wegfallen, die über 60 Jahre alt sind, sähe es schlagartig anders aus.

2010 waren die Hälfte aller Augenärzte rund um Neu-Ulm über 60. Damals waren es noch zehn, mittlerweile sind für über 165000 Einwohner des Landkreises neun zuständig. Genauer gesagt sind es sogar nur 8,75 Augenärzte, wie auch in der Grafik zu sehen ist. Diese Zahl bezieht sich darauf, wie oft die Ärzte noch tätig sind, manche arbeiten zum Beispiel nicht mehr die ganze Woche. Laut der KVB ist Fakt: Der Landkreis bräuchte für die optimale Versorgung seiner Bewohner noch einen halben Augenarzt. So sagt es der Bedarfsplan. Er bestimmt anhand der Einwohnerzahlen, wie viele Ärzte nötig wären. Mit Fachärzten scheint der Landkreis gut ausgestattet. Außer einem Augenarzt würde – rein zahlentechnisch – nur noch ein beziehungsweise ein halber Frauenarzt benötigt.

Doch diese Zahlen sagen nichts darüber aus, ob eine Frau, die in Roggenburg plötzlich Unterleibsschmerzen bekommt, schnell Hilfe findet. Sie muss bis in die nächste Stadt, in ihrem Fall zum Beispiel zu einem von zwei Frauenärzten in Weißenhorn. Immerhin: In den meisten anderen Gemeinden sind Fachärzte so gut wie ausgestorben. Nersingens Bürgermeister Erich Winkler ist sich dessen bewusst. Aber ihm zufolge sei die fachärztliche Versorgung für die Nersinger dank der Nähe zur Stadt Neu-Ulm kein Problem.

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Anders sieht es dagegen Bürgermeister Roland Biesenberger aus Buch. Die älter werdende Gesellschaft werde auf hausärztliche und fachärztliche Versorgung angewiesen sein – die weiten Fahrten dorthin könne aber nicht jeder selbstständig machen. Der Einfluss der Kommune beim Anwerben neuer Ärzte sei beschränkt, daher lege man in Buch großen Wert auf eine Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs, sodass Patienten ihre Ärzte problemlos erreichen können. In Buch hat auch eine Hausarztpraxis vor einem Jahr geschlossen und blieb ohne Nachfolger. Für das Gebiet um Illertissen bedeutet das laut Bedarfsplan: es fehlt ein Allgemeinmediziner. Bei der Hausärzte-Statistik werden nördlicher und südlicher Landkreis gesondert betrachtet. Im Neu-Ulmer Bereich herrscht keine Unterversorgung, aber auch dort sind die Hausärzte nicht gleichmäßig verteilt. In Neu-Ulm kümmert sich jeder der 42 Hausärzte um durchschnittlich 1340 Einwohner. Bellenberg mit über 4000 Einwohnern hat hingegen nur einen Hausarzt.

Nachwuchs ist auf dem Land nicht in Sicht. Auf die offenen Stellen in der Praxisbörse des Landkreises gibt es noch keine Bewerbungen. Als Hauptgrund dafür nennt Birgit Grain von der KVB die hohe Arbeitsbelastung durch Bereitschaftsdienst und Bürokratie. Das Durchschnittsalter der niedergelassenen Ärzte steige zusehends an und ohne Nachwuchs seien Versorgungslücken bald unvermeidbar. „Deshalb ist es fünf vor zwölf, wenn man die ambulante Patientenversorgung auch auf dem Land weiterhin erhalten möchte“, sagt Grain. Man könne dieses Problem nur lösen, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für junge Ärzte attraktiver werden. Hier sieht die KVB die Krankenkassen in der Pflicht, sich stärker als bisher zu engagieren.

Diese haben das Problem ebenfalls erkannt. Hermann Hillenbrand ist als Direktor der AOK für den Landkreis zuständig. Er spricht von einer Fehlverteilung der Vertragsärzte: in der Stadt sehr viele, auf dem Land zu wenig. In Zukunft müssten sich die Maßnahmen konsequenter nach dem Bedarf der Bevölkerung ausrichten, sagt Hillenbrand.

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