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Universität

11.01.2013

Kampf gegen unterschätzte Krankheiten

In der Ulmer Neurologie forschen Wissenschaftler daran, welche Therapiemöglichkeiten es gibt, wenn Nervenzellen vorzeitig altern.
Bild: Alexander Kaya

Ulmer Experten entwickeln in deutschlandweit einzigartigem Zentrum neue Therapien

Ulm Sich im eigenen Körper eingesperrt fühlen, nicht mehr gehen, sprechen, irgendwann nicht mehr schlucken können: Das sind die Symptome einer Krankheit, die sich Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, nennt. In Ulm steht diese Krankheit nun im Mittelpunkt eines Forschungszentrums, das die Universität am heutigen Freitag auf dem Oberen Eselsberg eröffnet. Dazu wird Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) erwartet.

Jeder 400. Deutsche wird an ALS sterben

„Die Krankheit ist unterschätzt, kaum einer kennt sie, obwohl sie zahlenmäßig fast so häufig vertreten ist wie Multiple Sklerose“, sagt Professor Albert Ludolph, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Ulm und Leiter des neuen ALS-Forschungszentrums. Jeder 400. Deutsche werde an der Krankheit sterben. „Wahrscheinlich kennt sie kaum einer, weil die Überlebenszeit so gering ist – im Durchschnitt nur drei Jahre“, meint er. Betroffene fühlten sich regelrecht „eingemauert“ im eigenen Körper, denn ihr Intellekt, ihre Augen und Ohren würden weiter funktionieren. Fortschreitende Lähmungen würden aber dazu führen, dass zunächst die Fähigkeit zu laufen, aber auch zu sprechen und schließlich zu schlucken abhandenkommen würde. Ein prominentes Beispiel für einen Betroffenen ist der Physiker Stephen Hawking, der an einer milden Variante der Krankheit leidet.

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All die Lähmungen beruhen auf einem Fehler bei der Umwandlung von DNA in RNA, also beim ersten Schritt der Übertragung von genetischer Information in Eiweiße, die Bestandteil der menschlichen Zellen sind. Dieser Mechanismus liegt auch einer anderen Krankheit zugrunde, der sogenannten Frontotemporalen Demenz, kurz FTD. Um die Zusammenhänge und den Mechanismus genau zu untersuchen, wird neben dem ALS-Forschungszentrum heute ein weiteres Zentrum eingeweiht: ein virtuelles Institut der Helmholtz-Gemeinschaft.

Eine andere Form der Demenz

Menschen, die an FTD erkranken, haben eine andere Form der Demenz als Alzheimer-Patienten. Diese vergessen immer mehr, FTD-Erkrankte dagegen können sich noch lange erinnern. Die Demenz hat bei ihnen andere Folgen: Sie werden verhaltensauffällig, zeigen Aggressionen, Impulsausbrüche und sozial unangemessenes Verhalten. „Diese Patienten können nicht mehr auf ihre Enkel aufpassen, weil sie zum Beispiel mit ihnen auf Eisenbahnschienen spazieren gehen und dann behaupten, dort wäre ja seit Jahren kein Zug mehr gefahren“, schildert Ludolph. Besonders schwierig sei, dass die Betroffenen oft noch im öffentlichen Leben stünden, weil diese Form der Demenz früh losgehe – bereits ab einem Alter von 50 Jahren. Auch FTD ist noch unbekannt und in Deutschland kaum erforscht. Für beide Krankheiten wollen die Mediziner ihre Ergebnisse und Erfahrungen sammeln und sich austauschen. Da die wenigen Experten in Deutschland verstreut sind, können sie nun über das virtuelle Institut zusammenarbeiten. Finanziert wird es von der Helmholtz-Gemeinschaft zur Forschungsförderung.

Das ALS-Forschungszentrum dagegen hat in Ulm eigene Mitarbeiter und eine Stiftung, die die Mittel dafür aufbringt. Auch das Land und die neurologische Abteilung unterstützen das Zentrum. Zwar werden nur fünf Mitarbeiter aus den Zinsen des Stiftungsvermögens bezahlt, insgesamt arbeiten aber rund 50 Personen im deutschlandweit einzigartigen Forschungszentrum, beispielsweise auch Angestellte der Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU). „Die Patienten sind ja hier bei uns in Behandlung, wir können also patientennah forschen“, sagt Ludolph.

Konkret soll an Zellen studiert werden, wie sie krank werden. Neue Therapien sollen erprobt und Medikamente, die für den Markt noch zu teuer sind, getestet werden. Bisher gibt es ein Medikament, dass die Lebensdauer der ALS-Patienten etwas verlängert – bei einer Lebenserwartung von einem Jahr um drei bis vier Monate. Bessere Erfolge würden gute Ernährung der Erkrankten und Beatmung zeigen: „Stephen Hawking wird seit 30 Jahren beatmet, auch dadurch ist er jetzt überhaupt noch am Leben“, erklärt Ludolph.

Er erhofft sich, dass so eine bessere Therapie für ALS-Erkrankte gefunden werden kann. Dazu gehöre auch eine soziale und psychologische Unterstützung sowie das Thema Patientenverfügungen: „Wir müssen uns auch damit beschäftigen, wie es den Menschen geht und wie sie sterben wollen.“

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