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Podium

14.01.2019

Kampfzone des Kapitalismus

Kampfzone: Benedikt Paulun und Maurizio Micksch kämpfen in der Bühnenadaption des Films „Zeit der Kannibalen“.
Bild: Martin Kaufhold

Die Bühnenadaption des Films „Zeit der Kannibalen“ spielt in der zynischen Welt der Unternehmensberater

Wo die berühmte historische Altstadt ist? Frank Öllers muss bei der Frage der neuen Kollegin ein bisschen schmunzeln. Ob sie da unten die Messe und die Shopping Mall sieht? Dort sei sie gewesen, die Altstadt. Der globalisierte Kapitalismus nimmt eben keine Rücksicht auf Nostalgie und Tradition. Was nicht der Effizienz dient, hat keinen Platz. „Zeit der Kannibalen“, das nun im Podium des Theaters Ulm Premiere gefeiert hat, folgt den Menschen, die jene zynische Botschaft hinaus in die Welt tragen: den international agierenden Unternehmensberatern. Und zeigt doch gleichzeitig, dass die Ideologie des Turbokapitalismus sich auch gegen die richtet, die sie verbreiten. Ein künstlerisch überzeugender und unterhaltsamer Abend.

Das von Schauspieldirektor Jasper Brandis inszenierte Stück beruht auf dem gleichnamigen Film, 2014 auf der Berlinale uraufgeführt. Regisseur Johannes Naber hat das (2015 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete) Drehbuch von Stefan Weigl selbst für die Bühne adaptiert, was wohl kein allzu großer Aufwand war: „Zeit der Kannibalen“ spielt komplett in den standardisierten Hotels globaler Ketten, war also schon auf der Leinwand ein Kammerspiel, geprägt von komplexen Charakteren und scharfen Dialogen.

Im Zentrum stehen drei Figuren: zunächst die beiden erfahrenen Berater Frank Öllers (Benedikt Paulun) und Kai Niederländer (Maurizio Micksch), die seit Jahren im Auftrag ihrer „Company“ um die Welt jetten. Beiden ist der Job nicht unbedingt gut bekommen. Öllers hat kaum Bezug zu seinem kleinen Sohn und streitet sich ständig mit seiner Frau am Handy. Niederländer hat geradezu Panik vor der Dritten Welt vor der Hoteltür, kann notfalls im Dunkeln seine Koffer packen und schikaniert das Hotelpersonal bei jeder Gelegenheit.

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Sie sind gleichermaßen Freunde und Konkurrenten, doch bei der Arbeit sind sie ein gutes Team, etwa wenn sie einem indischen Partner verkünden, dass ihr Kunde seine Produktion auf ihren Rat hin jetzt nach Pakistan verlagern wird, auch wenn da Krieg und Terror regieren. „Alle lieben Indien, wir doch auch. Aber wo ist da die Fantasie?“ Die Berater gefallen sich als rücksichtslose ökonomische Avantgarde. Doch das Duo wird gesprengt, als die neue Kollegin Bianca März (Nicola Schubert) dazustößt. Die hat eigentlich Medizin studiert, glaubt aber, dass sie als Beraterin in der Welt mehr bewegen könne als als Ärztin. März hat aber eine Spezialmission, von der Öllers und Niederländer zunächst nichts wissen.

Regisseur Brandis und Ausstatterin Petra Mollérus verzichten bei „Zeit der Kannibalen“ fast komplett auf Requisiten, gebraucht werden praktisch nur ein Drehstuhl und Rollkoffer. Gespielt wird auf der zentralen Spielfläche des Podiums, auf einem grünen Teppichboden, der so in jedem anonymen Hotelzimmer verlegt sein könnte. Gleichzeitig wirkt die Bühne dadurch auch wie ein Kampfplatz, was sie im Laufe des Stückes bei einer wrestling-artigen Rauferei zwischen den beiden Alpha-Beratern auch wird. Die anderen kleinen Rollen übernehmen Fabian Gröver und Franziska Maria Pößl, wobei die Hotelangestellten Puppen sind. Eine Idee, welche die Kolonialistenperspektive der Berater originell unterstreicht.

Im Vergleich zum mehrfach ausgezeichneten Film konzentriert sich das Stück noch stärker auf das Verhältnis der drei Hauptfiguren zueinander, was durch das starke Spiel des Ensembles bestens gelingt. Vor allem Benedikt Paulun zeichnet seine Rolle mit einer Tiefenschärfe und Körperlichkeit, die sich vor dem Frank Öllers im Film – immerhin Devid Striesow – nicht verstecken braucht.

Nur das Finale im Podium kann mit dem beklemmenden Schluss im Kino nicht ganz mithalten. Dann steht der Terror von draußen, vorher nur durch ein paar Explosions- und Schussgeräusche in der Ferne präsent, plötzlich vor der Zimmertür.

Aufgeführt wird das Stück wieder am Sonntag, 20., und Mittwoch, 30. Januar, im Podium, weitere Vorstellungen bis Anfang März. Karten gibt es an der Theaterkasse und unter www.theater-ulm.de

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