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Neu-Ulm

06.12.2016

Kickboxer erschossen: War der Getötete in Wirklichkeit ein Baron?

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Der Name „Heinrich von Mirbach“ steht auf dem Grabstein des getöteten Ludwigsfelders.
Bild: Katharina Dodel

Der erschossene Kickboxer "Prince of Tatarstan" wurde in Neu-Ulm beigesetzt. Auf seinem Grabstein prangt der Name eines Adelgeschlechts, das im Landkreis bekannt ist.

Noch immer gibt der Tod des 37-jährigen Kasachen, der in Ludwigsfeld auf offener Straße erschossen wurde, Rätsel auf: Wer tötete den berühmten Kickboxer? War er in illegale Machenschaften verwickelt? Gehörte er einem Milieu an? Hatte sein Mörder sogar noch eine Rechnung mit ihm offen? Fragen zu denen sich die Polizei weiterhin bedeckt hält. Während die Ermittler noch unter Hochdruck nach Antworten suchen, haben Verwandte und Freunde nun im kleinen Kreis Abschied vom 37-Jährigen genommen. Der Mann, der sich „Prince of Tatarstan“ nennt und eigentlich Musa Musalaev heißt, wurde jetzt auf dem Neu-Ulmer Friedhof beigesetzt – auf dem Grabstein dort prangt in Großbuchstaben ein weiterer Name, der weitere Rätsel aufgibt.

Die Blumen am Grab gelten Heinrich von Mirbach. Todestag: 18. November 2016. Der Kickboxer hatte offenbar viele Namen und ebenso viele Gesichter: Er verfasste Liebesgedichte, schlug seine Gegner im Nu bewusstlos und gab vor, adeliges Blut zu haben. Mirbach ist der Name eines Adelsgeschlechts – mit Hirschgeweih und Ritterhelm im Wappen.

Dieses Symbol der Barone von Mirbach zeigt der „Prince von Tatarstan“ auf seiner persönlichen Homepage. Dort schrieb „Heinrich von Mirbach“, dass er diesen Namen führen dürfe, da er ein Baron sei und von einem deutschen Adelsgeschlecht abstamme. Dieses ist im Landkreis Neu-Ulm nicht unbekannt: Denn der Adelsfamilie von Mirbach-Geldern-Egmont gehören das Schloss und große Ländereien in Roggenburg.

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Die Polizei bestätigt keinen der Namen

Einer, der die Geschichte der Gemeinde und der Grafen kennt, wie seine Westentasche ist Lothar Mareis. Von einem noch lebenden „Heinrich von Mirbach“ hat der Roggenburger Gemeindearchivar aber noch nie gehört. Dass Musa Musalaev der Sohn eines Mitglieds der Roggenburger Adelsfamilie ist, sei eher unwahrscheinlich. Und adoptiert? Auch das schließt Mareis eher aus – auch wenn das in der Familie nicht ungewöhnlich wäre. Denn auch der Vater des jetzigen Besitzers der Ländereien wurde adoptiert – allerdings von seinem Onkel.

Ob „Heinrich von Mirbach“ mit anderen Mirbachs weltweit verwandt sein könnte, weiß Mareis nicht, doch er will die Archive bemühen. Der Stammbaum der Mirbachs geht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Dort taucht ein Reinhold Heinrich von Mirbach auf. Dieser lebte offenbar von 1825 bis 1902 und war kaiserlich russischer Vizeadmiral. Ob der getötete Kasache dessen Nachfahre war?

Der Name „Heinrich von Mirbach“ steht auf dem Grabstein des getöteten Ludwigsfelders.
Bild: Katharina Dodel

Die Polizei, die weder den adelig klingenden Namen des Toten bestätigt, noch den russischen, teilt mit, dass solche Umstände immer in Ermittlungen miteinbezogen würden. Oder hatte der Getötete nur ein Faible für adelige Namen? War Heinrich von Mirbach ebenso ein Pseudonym wie der „Prince of Tatarstan“? Ein Prinz und ein Baron, der ein recht anonymes Leben in einer kleinen Wohnung in einem der Hochhäuser in Ludwigsfeld führte? Der Fall Musalaev bleibt mysteriös – und verlangt den Ermittlern, die diesen seit zweieinhalb Wochen zu lösen versucht, einiges ab.

Die Polizei hält sich weiter bedeckt, was den Stand der Ermittlungen angeht. Nach Auskunft eines Sprechers besteht die Sonderermittlungsgruppe „Schüsse“ nun aus über 30 Leuten. Sogar Kollegen aus anderen Einsatzstellen – beispielsweise Memmingen – seien hinzugerufen worden. Diese haben bereits einen möglichen Zusammenhang zwischen einem nahezu identischen Mordall in Bietigheim-Bissingen geprüft – aber schnell wieder verworfen. Vor gut sieben Monaten ist ein Kickboxer in der baden-württembergischen Stadt ebenfalls auf offener Straße niedergeschossen worden. Der Täter flüchtete: Wie im Fall Ludwigsfeld fehlt von ihm jede Spur.

Polizei ermittelt in "alle denkbaren Richtungen"

Nach Informationen unserer Zeitung bezieht die Polizei jetzt auch ein weiteres Gewaltverbrechen in die Ermittlungen mit ein: In Hechingen ist am Donnerstag ein 22-Jähriger aus einem fahrenden Auto heraus erschossen worden. In diesem Fall hat sich einer der Täter selbst der Polizei gestellt. Zuvor sind bereits drei weitere festgenommen worden. Wie zu erfahren war, sei es zwar nahezu auszuschließen, dass die beiden Taten – Ludwigsfeld und Hechingen – miteinander zu tun haben könnten, dennoch „wird in alle denkbaren Richtungen ermittelt“.

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06.12.2016

Was ist ein "Baron", und was hat das mit dem Fall zu tun?

Dass der Adel in Deutschland 1919 abgeschafft wurde, sollte sich doch nach fast 100 Jahren auch bei der AZ rumgesprochen haben? ;-)

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