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Ulmer Zelt I

17.06.2017

Kitschfreies Schmachten

Sängerin Gisela Joao zelebrierte bei ihrem Konzert im Ulmer Zelt Nähe, Sehnsucht und Fernweh nach einer fremden Welt.
Bild: Andreas Brücken

Gisela Joao bringt portugiesische Musik und jede Menge Gefühle auf die Bühne – und lässt damit keinen Zuhörer unberührt

Was für ein Jahr für die portugiesische Musik, die auf dem europäischen Markt lange Zeit ein Mauerblümchendasein fristete, bis in diesem Jahr der Portugiese Salvador Sobral mit seinen leisen Tönen, aber einem Paukenschlag beim Eurovision Songcontest 2017 die internationale Konkurrenz mit einem typisch-portugiesischen Lied an die Wand sang: Der Sänger eroberte auf einen Schlag die Herzen von Millionen Menschen. Auf nationaler Ebene ist dieses Wunder der Fado-Sängerin – Fado bedeutet Schicksal oder Göttlicher Wille – Gisela Joao im Jahr 2014 in Portugal gelungen: Sie behauptete sich mit ihrem ersten Album, das schlicht mit ihrem Namen betitelt ist, 52 Wochen lang in den portugiesischen Charts. Auch im ausverkauften Ulmer Zelt gab die neue Stimme der aktuellen Fado-Szene Portugals mit ihren Musikern ein umjubeltes Konzert mit ihrer dunklen, fast geheimnisvollen Stimme, die niemand unberührt ließ.

Wie Sobral folgt die Sängerin keinem Mainstream- oder Marketingzwang, in ihrer Heimat hätte sie mit so etwas Ausgetüfteltem auch keine Chance. Ganz in der melancholischen Tradition ihrer Heimat verhaftet, hat sie dieser gelegentlich sehr traurigen Musik neue, große Türen geöffnet, was ihr im Londoner Weltmusik-Magazin Songlines den Titel „Top of the World“ als weltbeste Veröffentlichung eines Album einbrachte.

Im Ulmer Zelt zeigt sie eine perfekte, aber nicht aufgeblasene Bühnenshow und beherrscht es perfekt, die Essenz von Fado rüberzubringen: eine Empfindung zwischen Nähe, Sehnsucht und Fernweh nach einer fremden Welt. Gelegentlich wirbelt die temperamentvolle Frau auch über die Bühne, lässt grüne Männchen in ihren Songs auferstehen, während sie drei Gitarristen begleiten, die zwei Stunden fast bewegungslos perfekte Musik zelebrieren, ohne eine Miene zu verziehen.

Die musikalische Wechselströmung, auf die sich das Publikum einlässt, wird begleitet von kleinen Erzählungen aus ihrem portugiesischen Alltag. Von verlorenen Lieben und anderen Schicksalsschlägen ist auch in den Liedertexten die Rede, zum Schmachten schön (traurig). Das gipfelt manchmal in maritimen Metaphern wie dem Traum von einem Schiff, das in einem Meer von Tränen versinkt. Schluchz! Die hohe Kunst der Stimme und die Melodie garantieren aber, dass auch solche Lieder ein kitschfreies Erlebnis sind.

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