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Ulm

25.11.2019

Kriminalbiologe Mark Benecke spricht über die gemessene Wahrheit

Mark Benecke
Bild: Ariane Attrodt

Der Kriminalbiologe Mark Benecke berichtet im Roxy Ulm über seine manchmal skurril wirkenden Spurensuchen, über Blut – und Spreewaldgurken.

Hinter seine Arbeit stecke eigentlich „kindliches Herumspielen mit guter Dokumentation“, findet Mark Benecke. Der 49-Jährige, der gebürtig aus Rosenheim stammt, ist promovierter Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie, Insektenkunde. Experimente sind dabei das Allerwichtigste. Und dass diese teilweise auch ziemlich skurril sind, davon konnten sich die Zuhörer in der ausverkauften Werkhalle im Ulmer Roxy am Samstagabend bei Beneckes Vortrag „Blutspuren“ ein eindrückliches Bild machen.

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Gleich zu Beginn stellt Benecke klar: „Gerechtigkeit ist ein Kulturkonstrukt.“ Mit der Wahrheit habe das dann nichts mehr zu tun. Doch genau um die geht es dem 49-Jährigen bei seiner Arbeit: die gemessene Wahrheit. Und dabei – das betont er an diesem Abend gleich mehrmals – haben weder Vermutungen noch Annahmen noch gesunder Menschenverstand etwas zu suchen. „Die Aussage ,Das weiß doch jeder‘ ist keine Messung.“ Auch auf Erfahrung – und die hat Benecke nach 25 Jahren in seinem Beruf zuhauf – dürfe man nicht zurückgreifen, denn: „Die Welt ändert sich ständig.“

Der Zutritt zu Beneckes Vortrag ist erst ab 16 Jahren erlaubt – und schnell zeigt sich warum: Während des ganzen Abends verwendet der 49-Jährige Tatortfotos und Aufnahmen von Leichen. Für zarte Gemüter ist das definitiv nichts und so dauert es nur wenige Minuten, bis zwei junge Frauen den Raum verlassen – und sie werden ihn an dem Abend auch nicht mehr betreten.

Kriminalbiologe Mark Benecke spricht über die gemessene Wahrheit

Kriminalbiologe Mark Benecke spricht im Roxy über Experimente

Allen anderen Zuhörern eröffnet sich ein Einblick in eine den allermeisten unbekannte Welt – und dabei geht es auch um skurrile Experimente: Um den Todeszeitpunkt eines Mannes genauer bestimmen zu können, hatte Benecke beispielsweise einmal nur den Mageninhalt – Spreewaldgurken – als Indiz. Doch nach welcher Zeit sind die Gurken so zersetzt wie beim Toten? „Da haben die Studenten eine Woche lang Spreewaldgurken gegessen und zu unterschiedlichen Zeiten wieder erbrochen“, erklärt Benecke nüchtern.

Zahlreiche Bücher hat der 49-Jährige mittlerweile veröffentlicht – und das sehr erfolgreich: Seine Biografie „Mein Leben nach dem Tod. Wie alles anfing“ ist sieben Wochen nach Erscheinung bereits in siebter Auflage im Handel. Mit dem Bild, das in Filmen und Serien oft von seinem Beruf gezeichnet wird, hat seine tatsächliche Arbeit sehr wenig zu tun – vor allem, weil es das finanzielle Budget nicht hergibt. Bei der Analyse von Blutspritzern benutzen Benecke und seine Kollegen beispielsweise Wollfaden, Tesafilm und Geodreieck statt hypermoderner Laserstrahlen. „Das geht genauso gut“, so der Kriminalbiologe, der ebenfalls erklärt: „Sie brauchen mich gar nicht zu fragen, ob mich meine Arbeit nachts verfolgt. Denn jemand, den das nachts verfolgt, macht diesen Beruf nie.“

Gleichermaßen unterhaltsam wie faszinierend

Das „Härteste“, was er je gemacht habe, sei es, Opfer sexueller oder auch häuslicher Gewalt davon zu überzeugen, ihre Verletzungen umfangreich – und das bedeutet auch über mehrere Tage hinweg – dokumentieren zu lassen. „Es motiviert uns aber, weil wir wissen, dass denen mittelfristig nur die Wahrheit helfen wird.“ Und diese könne beispielsweise am durch Fotos dokumentierten Verletzungsverlauf rekonstruiert werden. So wie im Falle einer Rentnerin, die Einbrecher in ihrer Wohnung überrascht hat. Die Täter hatten damals ausgesagt, sie hätten die Rentnerin geschubst und diese habe sich ihre Verletzungen dabei zugezogen. Dass das nicht stimmen konnte – die Frau war stattdessen geknebelt und ihr ein Kissen aufs Gesicht gedrückt worden, während einer der Täter auf ihrem Brustkorb kniete –, konnte Benecke nur durch die Fotos und – natürlich – Experimente mit seinen Mitarbeitern nachweisen.

Trotz der schweren Kost wird an dem Abend in der Werkhalle immer wieder gelacht – Benecke versteht es hervorragend, die Menschen im Plauderton gleichermaßen zu unterhalten und zu faszinieren. Ein kurzweiliger Abend, der den Zuschauern wohl lange im Gedächtnis bleiben wird.

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