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Neu-Ulm/Bamberg

07.04.2021

Kriminelle betrügen Anleger - auch in Neu-Ulm: So erbeuteten sie Millionen

Eines der Callcenter, von denen aus die mutmaßlichen Betrüger ihre Kunden kontaktierten und überredeten, ihnen Geld für das angebliche Cyber-Trading zu überweisen.
Foto: Polizei

Plus Betrüger sollen Anleger in ganz Europa um Millionenbeträge geprellt haben. Jetzt hat es zahlreiche Festnahmen gegeben. Daran war auch die Kripo Neu-Ulm beteiligt.

Sie versprachen ihren Kunden satte Gewinne durch "Cyber-Trading", also angebliche Geschäfte im Internet. In Wirklichkeit landete das Geld der Anleger ausschließlich in den Taschen der Straftäter, die ihre Opfer über Callcenter ansprachen und sie dazu brachten, ihnen hohe Beträge zu überweisen. Jetzt ist den Ermittlern ein Schlag gegen die mutmaßlichen Betrüger gelungen. An den Durchsuchungen und Festnahmen in Berlin und im Kosovo war die Kriminalpolizei Neu-Ulm federführend beteiligt.

Neu-Ulmer Polizei ist an Aktion im Kosovo beteiligt

18 Männer im Alter zwischen 22 und 45 Jahren wurden auf dem Balkan festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, an betrügerischen Online-Anlage-Plattformen mitgewirkt zu haben. Sie sollen in den vergangenen Jahren Anleger aus ganz Europa um Millionenbeträge betrogen haben. Insgesamt wurden 17 Objekte durchsucht. Vorangegangen waren umfangreiche Ermittlungen der Zentralstelle Cybercrime Bayern und der Kriminalpolizeiinspektion Neu-Ulm. Für drei der mutmaßlichen Betrüger hatte die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg bereits im Vorfeld Haftbefehle wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs erwirkt.

Sechs der Männer sollen nun nach Deutschland ausgeliefert werden. Die Inhaftierten stammen aus der Republik Kosovo, Albanien und Deutschland. Bei den Festgenommenen handelt es sich um Callcenter-Mitarbeiter, die laut Generalstaatsanwaltschaft bei deutschsprachigen Geschädigten besonders erfolgreich waren und als "Top-Broker" für Schäden im Millionenbereich verantwortlich sein sollen, sowie um die führenden Köpfe der Callcenter.

Cyberkriminalität: Fall wird bei "Aktenzeichen XY . . . ungelöst" gezeigt

Der Fall wurde kürzlich auch in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY. . . ungelöst" gezeigt. Darin verdeutlichte Thomas Goger, der Pressesprecher Generalstaatsanwaltschaft Bamberg, die Dimension des Falles: "Allein bei uns werden mehr als 2000 Verfahren geführt. Täglich kommen neue dazu." Die Schadenssumme liege mittlerweile bei mehr als 100 Millionen Euro. Es gebe mehrere Geschädigte aus dem Raum Neu-Ulm, sagte Goger gegenüber unserer Redaktion. Deshalb seien die Ermittlungen dort konzentriert worden. Die von den Geschädigten bezahlten Summen lägen im Bereich von einigen Tausend Euro bis zu sechsstelligen Beträgen.

So sieht der Arbeitsplatz in einem der durchsuchten Call-Center in der Republik Kosovo aus.
Foto: Polizei

Geködert wurden die Anleger über professionell gemachte Internetseiten, auf denen Renditen von 20 bis 30 Prozent versprochen wurden. Hatten die Leute dort ihre Daten hinterlegt, wurden sie umgehend von angeblichen "Brokern" aus den Callcentern kontaktiert. Die Täter hatten sogar einen eigenen Leitfaden, in dem stand, wie sie vorgehen sollten, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.

Die mutmaßlichen Betrüger hatten einen Leitfaden zur Kontaktaufnahme

Das Papier ist zwar in schlechtem Deutsch abgefasst, doch offenbar war die Masche erfolgreich: "Grund meines Anrufs ist, dass Sie einmal Interesse gezeigt haben, online zu handeln, besser gesagt, online Geld zu verdienen", heißt es darin. "Ist das korrekt?" Und schließlich: "Können wir uns ein nettes Gespräch führen?" Im weiteren Verlauf geben die Täter vor, für ein weltweit tätiges Unternehmen, das in der Schweiz gegründet worden sei, zu arbeiten. Es handle sich um eine Tochtergesellschaft des amerikanischen Ölkonzerns Exxon Mobile. Ein Top-Broker werde dem Kunden als persönlicher Berater an die Seite gestellt. Mit Aktien, Kryptowährungen und anderen hoch riskanten Geldanlagen sollten auf Plattformen mit Namen wie "Investment Department" oder "CodexFX" angeblich schnelle Gewinne erzielt werden.

Diesen Leitfaden fanden Ermittler bei Durchsuchungen im Kosovo am Arbeitsplatz von mutmaßlichen Betrügern.
Foto: Polizei

Neu-Ulmer Polizei beteiligt: So geschickt gehen die Cyberkriminellen vor

Biss ein Kunde an, waren bald die ersten Überweisungen fällig. "Gelegentlich wurden kleinere Beträge ausgezahlt, um die Kunden bei Laune zu halten", sagte Oberstaatsanwalt Thomas Goger. "Aber angelegt wurde da gar nichts. Das war alles Schall und Rauch." Doch wie kann es sein, dass so viele Menschen auf diese Masche hereinfielen? Das erläuterte Goger bei "Aktenzeichen XY". Es handle sich um "hoch professionell arbeitende, international agierende organisierte Kriminalität", so der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg. "Die Täter gehen ausgesprochen geschickt und planvoll vor. Sie sind psychologisch geschult und sprechen ihre Opfer gezielt an." Man habe es da einfach mit Profis zu tun, "die ihr Geschäft verstehen und denen es ein Leichtes ist, die Menschen um den Finger zu wickeln".

Von dem Deliktsphänomen, das der internationalen organisierten Cyberkriminalität zuzurechnen sei, seien allein in Deutschland mehrere Tausend Anleger betroffen, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit. In zahlreichen anderen europäischen Ländern fänden sich unzählige weitere Geschädigte. Das Dunkelfeld sei beträchtlich, da vielen Anlegern das hohe Verlustrisiko der gewählten Investitionen bekannt sei und sie irrtümlich davon ausgingen, dass sich eben dieses Risiko verwirklicht habe.

Betrüger: Polizei beschlagnahmt Autos, Bargeld und Konten

Bei der von den Ermittlern als "Action Day" bezeichneten Aktion im Kosovo wurden unter anderem sieben Fahrzeuge sowie Bargeld in Höhe von etwa 160.000 Euro sichergestellt. Im Nachgang seien mehrere Konten mit Guthaben in Höhe von 700.000 Euro beschlagnahmt worden. An den Durchsuchungen seien insgesamt 240 kosovarische Polizeibeamte beteiligt gewesen. Zeitgleich sei es in Berlin zum Vollzug zweier weiterer Durchsuchungsbeschlüsse an der Privat- und Geschäftsanschrift eines weiteren mutmaßlichen Mitglieds der internationalen Tätergruppierung gekommen. Die komplexen und aufwendigen Ermittlungen der Zentralstelle Cybercrime Bayern und der Kripo Neu-Ulm dauerten an. Weitere Einzelheiten zum Stand des Verfahrens könnten derzeit nicht bekannt gegeben werden, um die fortdauernden europaweiten Ermittlungen nicht zu gefährden.

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