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Neu-Ulm

05.06.2020

Kunst, die in Ruhe rosten darf: Roswitha Geyers Werke in der "Kunstzone"

Roswitha Geyer stellt ihre Rost-Kunstwerke in der Pfuhler „Kunstzone“ aus. Die kleine Galerie zeigt, wie die Künstlerin mit dem Verfall von Eisen und Stahl spielt.
Bild: Stefan Kümmritz

Plus Roswitha Geyers Kunst spielt mit Rost, Zerfall und feinen Details aus Emaille. In der Galerie "Kunstzone" in Pfuhl sind ihre Werke zu sehen.

Ein kreativer Gedanke lässt sich nicht erzwingen und manchmal ist es der Zufall, der den Künstler zur Kunst bringt. Es ist dreißig Jahre her, da machte Roswitha Geyer Urlaub auf Elba. Sie wollte im Meer baden und entdeckte dabei eine gestrandete Tonne am Wasser. Achtlos entsorgt und verlassen lag das Fass am Strand. Geyer wollte es wegschleppen, der Anblick ärgerte sie. Doch die Tonne war zu schwer und voll von Sand, von Salz und Wasser zernagt und verrostet. Die Tonne blieb am Strand von Elba. Doch sie brachte Roswitha Geyer auf eine Idee. „Erinnerung an die rostige Tonne am Meer/Elba“ heißt ein Kunstwerk, das heute in einer Ausstellung in einer Neu-Ulmer Galerie hängt: der kreisrunde Boden einer Tonne, rostig-braun und schnurgerade in der Mitte zerbrochen. Zwischen den Hälften funkelt es geheimnisvoll blau. Ein Stück Emaille blitzt zwischen verwittertem Blech hervor. Geyer wurde 1936 in Berlin geboren. Heute lebt sie in Senden und schafft seit 30 Jahren Kunst mit Rost. Ihre neusten Werke sind jetzt in der „Kunstzone“ in Pfuhl zu sehen.

Roswitha Geyer schafft Kunst aus Eisen und Rost

Geyer findet überall Inspiration – und ihr Material vor allem auf Schrottplätzen. Was sie an Rost fasziniert? „Messing wird schwarz, Kupfer kriegt einen Grünstich“, sagt sie. Aber nur Eisen und Stahl, wenn sie auf Wasser und Sauerstoff treffen, entwickeln diese besondere chemische Reaktion und einen künstlerischen Reiz. „Regenwasser ist das Beste“, sagt Geyer. Salzwasser oder sogar ein bisschen Salzsäure nutzt sie auch ab und an. Aber das greift das Material sehr stark an. Lieber lässt sie also Regenwasser über ihre Fundstücke laufen und legt die Werke zum Reifen in ihren Garten. „Dann lässt man den Rost arbeiten“, sagt sie. Immer wieder bearbeitet Geyer diese Stücke: Sie formt das Material, setzt Akzente mit kleinen Nägeln oder mit Perlen von Emaille. „Oder Kronkorken, daraus lassen sich zum Beispiel die tollsten Dinge formen.“

Geyer ist überzeugt: Gute Kunst wirkt überall. Aber hier in der „Kunstzone“, einer alten Scheune, wandert das Sonnenlicht besonders hübsch über ihre Werke. Die Stücke aus Emaille leuchten blau und grün, die verwitterten Eisenstücke in warmem Rostrot und Rostbraun. Die Akzente liegen oft im Hintergrund, die Keramik versteckt sich in und unter den Rostflächen wie ein feiner Schatz. Die Emaille brennt Geyer bei tausend Grad im Ofen ihres Ateliers.

Kunst, die in Ruhe rosten darf: Roswitha Geyers Werke in der "Kunstzone"

In der Kunstzone Pfuhl sind Roswitha Geyers Werke zu sehen

„Ich mag klare Formen und schöne Details“, sagt Geyer. Lange war sie Architektin, dann wechselte sie recht überraschend den Beruf und arbeitete 20 Jahre lang als Kunstlehrerin. Wie eine Architektin formt Geyer heute auch ihre Kunstwerke. Sie liebt zwar die Freiheit, das Überraschende und das Ungewohnte in der Arbeit mit dem Rost: „Es darf auch krumm und schief werden.“ Nur eines will ihre Kunst nicht sein: beliebig. Geyer wählt ihr Material mit Bedacht. Im Gespräch verrät sie, wie viel Gefühl in ihren Werken steckt: Mit „Tränen“, ihrem Lieblingswerk, verbindet sie Verlust. „Geborgen“ wiederum spielt mit dem schwungvollen Umriss eines schwangeren Bauchs. „Da ist Leben drin“, sagt die Künstlerin.

Geyer gliedert den Kunst-Rost in drei Stadien: junger Rost, Sandrost und Bröselrost. Bei manchen Stücken schimmert noch das glatte Grundmaterial unterm Rost hindurch. Dann entwickelt sich der Rost immer mehr wie das Farbenspiel einer Wüste. Im letzten Stadium wirkt das Material schwarz, verletzlich, brüchig. Und dieser Stoff bestimmt Geyers Themen. Oft verweisen diese Rostwunden auf die – menschengemachten – Wunden der Natur. „Durststrecke“ heißt ein Werk: Eine Zunge aus Emaille hängt blau schimmernd über einem Blech. Durch das Blech zieht sich die Spur eines vertrockneten Rinnsals, das Wasser hineingerostet hat. Eine abgebrannte Waldlandschaft zeichnet Geyer wiederum mit schwarzbraunem Rost. Auch Sägeblätter deuten Verletzungen der Natur an – und die Natur selbst nagt an den Sägeblättern. Eine andere Werkgruppe wirkt dagegen niedlich und vergnügt: Die gemeine „Rostbramme“, eine fantastische Vogelart, findet man nicht in Brehms Tierleben, sondern nur in Geyers Werk. Die kleinen Vögel tummeln sich um eine Tränke aus Emaille oder hinterlassen Krallenspuren im Rost.

Roswitha Geyer hat sich in der Coronazeit auf ihre Kunst konzentriert

Entstanden sind diese Werke seit Herbst 2019. Als das Coronavirus ausbrach, begann für Geyer eine Zeit der Konzentration auf die Kunst: „Ich habe mich gefreut, als plötzlich nichts los war. Wenn ich an meiner Kunst arbeite, sage ich manchmal: Ich geh’ spielen.“ Und das bedeutet, die Kunst reifen und rosten lassen.

„Rost mit Lichtblicken“ ist bis zum 20. Juni in der „KunstzonePfuhl (Adlerstraße 6) zu besichtigen.

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