Newsticker
FDP-Fraktionsvize Stephan Thomae: "Konzeptlose Öffnungen werden vor Gericht kaum Bestand haben"
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Kunst zwischen Werten und Wandel

Diskussion

29.06.2017

Kunst zwischen Werten und Wandel

Der Neu-Ulmer Kulturfachbereichsleiter Ralph Seiffert (links) und Ulms Kulturbürgermeisterin Iris Mann hatten mit dem Thema ihre Probleme.
Bild: Dagmar Hub

Neu-Ulms Kulturdezernent Seiffert und Ulms Kulturbürgermeisterin Mann sprechen über ein heikles Thema

Die Themenstellung war hehr und dazu vielleicht etwas länglich formuliert: „Kultur eröffnet Denkräume: Nur wer die Vision eines anderen Lebens entwickelt, kann aktiv an der Veränderung mitwirken und Verantwortung übernehmen, ganz im Sinn von Bertold Brecht: ‘Ändere die Welt. Sie braucht es.’“ Im Brückenhaus diskutierten die Ulmer Kulturbürgermeisterin Iris Mann und der Neu-Ulmer Kulturfachbereichsleiter Ralph Seiffert – moderiert von Michael Müller, Vorstand des Ulmer Initiativkreises nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, über „die notwendige Veränderung unserer Stadtgesellschaften“: Wie könne die Kultur helfen, die Herausforderungen der Zeit zu meistern? Wie den Wandel der Werte anstoßen und begleiten?

Sven Wisser, Schauspieler und Theaterleiter der Jungen Ulmer Bühne, berichtete im Auftakt von seinem eigenen Unbehagen angesichts von Labilität und Anfälligkeit des Stromsystems und vom Wunsch seines Sohnes nach einer Öko-Diktatur in Deutschland. Mit der Verknüpfung der Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „Kultur“ für die Diskussion hatten sowohl Mann als auch Seiffert Probleme: Google man beide Begriffe zusammen, stoße man beispielsweise auf „Aquakultur“, sagte die Bürgermeisterin. „Nachhaltigkeit“ sei „wohl der am inflationärsten gebrauchte Begriff“ und „instrumentierbar für nahezu alles“.

Nachhaltigkeit habe mit Bewahren und weniger mit Wandel zu tun, gab Seiffert zu bedenken – beispielsweise bezogen auf historische Bausubstanz. Kunst könne nachhaltig sein, müsse es aber nicht, weil Künstler nicht bevormundet werden sollten. Auch sei eine Steuerung von Veränderungen durch die Ausschreibung und Subventionierung von gerade opportunen Kulturprojekten problematisch, weil darin die Gefahr der Instrumentalisierung der Kultur liege. Nachhaltigkeit bedeute ein normatives Wollen, das die eigenen Ziele auch von anderen verlangt, während Kultur freies Nachdenken, Inspiration und emotionale Auseinandersetzung mit einem Thema ist. „Darin liegt ein Widerspruch!“, so Seiffert. Nachhaltig könne es dagegen sein, Jugendliche an Kultur heranzuführen und Themen in die nächste Generation zu tragen – durch Lesepaten beispielsweise. Der Zugang von Kindern und Jugendlichen zu kulturellen Einrichtungen sei nicht mehr so selbstverständlich wie vor zehn oder 15 Jahren, gab Mann zu bedenken.

Im Diskussionsteil der Veranstaltung beklagte ein pensionierter Deutschlehrer, dass die Standardisierung zum Zweck der Evaluierbarkeit von Bildung zum Aus beispielsweise des freien Aufsatzes im Abitur geführt habe. Das Aufgeben guter Traditionen im Schulsystem bereite ihm Sorge, weil die Einschränkung der Kreativität der Entfaltung der Persönlichkeit schade. Sowohl Seiffert als auch Mann stimmten zu: Sie beobachte mit Sorge den Mangel an Raum zur Persönlichkeitsentwicklung, sagte die Ulmerin. Man habe mit dem Ziel jüngerer Absolventen an mehreren Schrauben gleichzeitig gedreht, sodass Schüler in Deutschland jetzt bis zu vier Jahre früher ihren Abschluss bekommen als noch in den 90er Jahren. „Sie sind einfach zu jung. Das wird uns eines Tages zu schaffen machen.“ Auch die Wirtschaft kritisiere inzwischen, dass Absolventen „nicht von jetzt auf gleich denken könnten.“ Die Forderung eines Diskussionsteilnehmers, dass Kunst sich so verändern müsse, dass sie gefällt, stieß auf dem Podium hingegen auf wenig Gegenliebe.

Sven Wisser berichtete aus seiner Theatererfahrung: Man erreiche mit Kulturangeboten nur zehn Prozent der Schüler. Aus dem, was er in der Arbeit mit Schülern erlebe, müsse man Kultur und Werte wie Meinungsfreiheit nachhaltig in die Breite tragen. „Es ist eine Aufgabe, die da auf uns zukommt, und ich weiß nicht, wie wir die bewältigen sollen“, sagte Wisser. Die Gesellschaft brauche den Konsens: „Es ist gut, eine andere Meinung haben zu dürfen, und ich respektiere sie“ und nicht das jetzt erlebte „Du hast eine andere Meinung, und deshalb schlage ich dich“.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren