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Ulm

11.01.2017

Lachen mit dem Lieblingsrussen

Gut gelaunt auf der Bühne: Wladimir Kaminer bei seiner Lesung.
Bild: Florian L. Arnold

Wladimir Kaminer unterhält das Publikum im gut gefüllten Roxy mit Texten über Kreuzfahrten, Pseudo-Griechen und seine Mutter. Dabei geht es nicht unbedingt immer realistisch zu.

Seit „Russendisko“ ist Vladimir Kaminer eine feste Größe in der deutschen Literatur, genauer gesagt: im deutschen Humorgeschäft. Der Russe, der 1990 in die DDR kam und seither in Berlin lebt, hat mit seinem lakonischen Witz und seiner „Aliensicht“ auf deutsche Gebräuche und Gebaren ein Millionenpublikum zum Lachen gebracht. Jetzt kam der 1967 geborene Autor mit seinem neuen Buch „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“ ins gutbesetzte Ulmer Roxy und betrat die Bühne, als sei er erst gestern zu letzten Mal da gewesen.

„Wo sind wir beim letzten Mal stehen geblieben?“ lautete die erste Frage ans Publikum. Dann spricht er nicht über das neue Buch, sondern über seine Frau Olga. Er würde sehr gerne, so sagt Kaminer, ein Buch über seine Frau schreiben, Titel „Ein paar Dinge, die ich über meine Frau weiß“. Das wäre reizvoller, so der Autor, denn über seine Mutter, ihre Katze und ihren Staubsauger weiß er schon (fast) alles, nicht aber über seine Frau. Und dann schweift Kaminer noch weiter ab. „Weil ich schon mal hier bin“, beginnt er und liest haarsträubende und haarsträubend komische Berichte von seinen Lesungen für die „Aida“-Urlaubsflotte vor. Eine „14 Tage Dauerlesung, denn auf einem Kreuzfahrtdampfer geht das Publikum ja nicht weg. Die bleiben einfach da und ich musste immer weiterlesen“.

So gestaltete sich der erste Teil des Abends als Kabarettnummer zum Thema Urlaub, Reiseverhalten – und Griechenland. Denn die Griechen sind, zumindest nach Kaminers Erfahrungen, nicht mehr das, was sie einmal waren. Den Sirtaki tanzt sich in einer von einer Italienierin geführten Kneipe ein Russe aus dem Leib. Die Olivenbäume werden von einer Schwäbin gepflegt. Und in der Küche steht eine Bulgarin. Und der arglose Tourist wird ohnehin ständig mit Angeboten für „russische Pelzwaren“ belästigt. Dann doch lieber zu Hause bleiben und sich mit „Mutter, Katze und Staubsauger“ befassen?

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Nein, noch immer nicht. Kaminer las lieber einen Auszug aus seinem Buch über Teenager („Coole Eltern leben länger“) und, sehr zur Freude des Publikums, die urkomische Erzählung „Der russische Bär auf dem Fahrrad“. Hier kreuzen sich (vermutlich) wahre Erlebnisse des viel beschäftigten Autors mit den ins Fantastische hinein ausgeschmückten Berichten alkoholisierter Esten, mit denen Kaminer die „weißen Nächte“ durchzechte. Man entspannte sich gemeinsam nach einer Chaosfahrt durch ein Autohaus.

Zuletzt aber gab es dann doch noch einiges über Mutter, ihre Katze und den Staubsauger. Letzterer ist vollautomatisch, hört auf den Namen „Wassili“ und versteht sich prächtig mit der Raub-Hauskatze „Wassiliska“, die den Menschen als „vorübergehend nicht essbar“ betrachtet. Die Mama herrscht über ein Reich des Chaos und blickt mit gütigem Auge auch auf den Sohn, den sie erst jetzt zu erziehen beginnt. Denn: „Das Kind ist zu dumm für Erziehung, der Teenager hört nicht zu – aber der Erwachsene ist schon zu müde, um sich zu wehren.“

Seine eigene Interpretation des deutschen Kunstworts „Flüchtlingswelle“ liefert Sprachspieler Kaminer auch. Wenn Mama in die Badewanne steigt, kann die machtvolle Verdrängung von Wasser, Katze und Staubsauger nur so bezeichnet werden.

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