1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Lebten Paris-Terroristen als Flüchtlinge getarnt in Ulmer Heim?

Ulm

20.03.2016

Lebten Paris-Terroristen als Flüchtlinge getarnt in Ulmer Heim?

Massives Polizeiaufgebot im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Foto: Laurent Dubrule
2 Bilder
Kurz vor den Anschlägen mit 130 Todesopfern fuhr ein Hauptverdächtiger vor einer Ulmer Asylunterkunft vor. Anschließend fehlten dort drei Männer. Zählen sie zu den Mördern?
Bild: Laurent Dubrule (dpa)

Kurz vor den Anschlägen mit 130 Todesopfern fuhr ein Hauptverdächtiger vor einer Ulmer Asylunterkunft vor. Anschließend fehlten dort drei Männer. Zählen sie zu den Mördern?

Es ist ein schlimmer Verdacht: Waren vermeintliche Asylbewerber aus einer Ulmer Flüchtlingsunterkunft an den Terroranschlägen von Paris beteiligt? Bei den Attentaten auf die Batclan-Konzerthalle und mehrere Lokale vom 13. November waren 130 Menschen von fanatischen Islamisten getötet worden. Nun haben Ermittler nach Recherchen des Südwestrundfunks (SWR) eine brisante Spur nach Ulm entdeckt.

Der am Freitag in Brüssel festegenommene Terrorverdächtige Salah Abdeslam war offenbar wenige Wochen vor den Anschlägen in Ulm. Laut SWR soll Abdeslam in Brüssel ein Auto gemietet haben. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober fuhr dieser Mietwagen demnach von Brüssel nach Ulm und wieder zurück. Abdeslam selbst soll der Fahrer gewesen sein. In Ulm war der Wagen eine knappe Stunde – er soll in dieser Zeit in der Nähe einer Flüchtlingsunterkunft gestanden haben, in der vor allem syrische Flüchtlinge untergebracht waren. Bei einer Anwesenheitskontrolle am folgenden Tag, dem 3. Oktober, wurde festgestellt, dass drei Männer fehlten, die am Vortag noch da gewesen waren. Waren sie mit Abdeslam nach Belgien gefahren? Gehörten sie am 13. November zu den Attentätern von Paris? Diese Fragen versucht das Bundeskriminalamt zusammen mit belgischen und französischen Ermittlungsbehörden zu klären, so der SWR. Die Ermittler versuchen auch zu klären, wie und warum Salah Abdeslam zu den Männern Kontakt aufgenommen hat. Offizielle Angaben von Behörden zu dem brisanten Fall gibt es bislang nicht.

Salah Abdeslam: Verdächtigt, die Paris-Anschläge mitorganisiert zu haben

Salah Abdeslam ist ein Franzose marokkanischer Abstammung. Er wird verdächtigt, die Anschläge vom 13. November 2015 in Paris mitorganisiert zu haben. Zu den Attentätern gehörte sein Bruder Brahim. Dieser sprengte sich nahe der Konzerthalle Bataclan in die Luft. Monatelang war Salah Abdeslam auf der Flucht, am Freitag wurde er in Brüssel nach einer Großrazzia mit Schießerei gefasst. Nach Angaben französischer Behörden habe sich Salah Abdeslam ursprünglich beim Länderspiel Frankreich gegen Deutschland in Paris in die Luft sprengen wollen. Er habe aber in letzter Minute einen Rückzieher gemacht und die Sprengstoffweste weggeworfen. Die Gründe dafür sind noch unklar. Zuvor habe er aber andere Attentäter zu den Anschlagsorten gefahren. An sechs verschiedenen Plätzen, darunter der Konzerthalle Bataclan, waren 230 Menschen umgebracht und mehr als 350 verletzt worden.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Die Terroristen mordeten offenbar im Namen des so genannten Islamischen Staates (IS), der in Teilen Syriens, des Iraks und Lybiens eine Schreckensherrschaft führt. Von zweien der Paris-Attentäter war bereits bekannt, dass sie als syrische Flüchtlinge getarnt nach Europa gekommen waren. Das Bundeskriminalamt verzeichnete bis Februar rund 250 Hinweise auf mutmaßliche Terroristen oder Kriegsverbrecher, die als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland gekommen sein könnten. In mehr als 20 Fällen erhärtete sich der Verdacht nach Medienangaben so sehr, dass Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. Inzwischen gilt es in Sicherheitskreisen als Fakt, dass IS-Mitglieder Lücken im System der Registrierung von Flüchtlingen nutzen, um nach Europa zu gelangen. Trifft dies auch auf die drei Männer zu, die sich in der Ulmer Asylankunft als Syrer ausgegeben hatten und dann möglicherweise von Salah Abdeslam abgeholt wurden? Das müssen die Ermittlungen zeigen.

Donau-Doppelstadt galt zeitweise als Zentrum des radikalen Islamismus

Hinweise, dass der aktuelle Fall mit möglichen örtlichen islamistischen Strukturen im Raum Ulm/Neu-Ulm zu tun hat, gibt es bislang nicht. Die Donau-Doppelstadt galt zeitweise als ein internationales Zentrum des radikalen Islamismus. Im Neu-Ulmer „Multikulturhaus“, einer 2005 geschlossenen Moschee, gaben sich Hassprediger die Klinke in die Hand, verkehrten Größen des islamistischen Terrors, sogar einer der Attentäter vom 11. September 2001 soll dort zu Gast gewesen sein. Der Ulmer Konvertit Fritz Gelowicz plante mit seiner „Sauerland-Zelle“ den Massenmord an amerikanischen Soldaten. Inzwischen soll sich die örtliche Szene beruhigt zwar haben, nach Angaben aus Sicherheitskreisen aber befinden sich einige „Gefährder“ nach wie vor in der Region. Haben Sie auch bei den Paris-Attentaten die Finger im Spiel? Oder landeten die drei möglichen Terrorhelfer nur per Zufall im Ulmer Asylbewerberheim? All diese Fragen sind derzeit noch völlig offen. Der unheimliche Abstecher des mutmaßliche Terroristen Abdeslam nach Ulm dürfte die Behörden wohl noch eine ganze Weile beschäftigen.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren