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Klassik

16.04.2015

Leidenschaft für die Russen

Glanzvoller Auftritt mit Mussorgski und Tschaikowski: das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm mit Generalmusikdirektor Timo Handschuh (links) im CCU.
Bild: Florian L. Arnold

Timo Handschuh führt die Ulmer Philharmoniker mit Tschaikowski und Mussorgski zu einer weiteren Glanzleistung

Die jüngsten Konzerte des Philharmonischen Orchesters der Stadt Ulm gaben Anlass zu hohen Erwartungen. Da gab es eine furiose Schönberg-Interpretation, Beethoven in lebendigen Fassungen und Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ als hochpoliertes Orchesterereignis. Das ließ für das 3. Philharmonische Konzert einiges erhoffen. Generalmusikdirektor Timo Handschuh und sein Orchester erfüllten die Erwartungen mühelos.

Dabei wurden zwei Komponisten gekoppelt, deren Ansatz recht unterschiedlich ist: Modest Mussorgski war auf der Suche nach einer innovativ-originären russischen Musiksprache, Peter Tschaikowski eher klassischen Idealen verpflichtet. Mussorgski blieb der Erfolg zu Lebenszeiten verwehrt, während Tschaikowski schon früh berühmt wurde – und diesen Ruhm eher als Last empfand. Der Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ entstand 1874 und erfuhr bei der Premiere wenig Verständnis. Erst die Orchesterfassung von Maurice Ravel brachte ab 1922 den Durchbruch für das Werk.

„Bilder einer Ausstellung“ beschreibt zehn Kunstwerke des Malers Victor Hartmann, eines engen Freundes von Mussorgski. Dessen Tod traf den Komponisten hart und er schrieb seine „Bilder“ als Reverenz an den toten Freund. Das Orchester spielte die Ecken und Kanten, die innovativen Schärfen und die zarten Idyllen des Werkes voll aus. Hochdynamisch, erzählerisch und mit staunenswerter Detailfülle ließ das Orchester diese farbige Partitur erstehen, die Ravels Handschrift nicht verleugnen kann. Wie sich Heiterkeit und Düsternis in diesem Werk paaren, das zeichneten die Ulmer genau nach; grandios, wie sich die rabiat-motorische „Baba Jaga“-Szene in den Wohlklang des finalen „Tor von Kiew“ auflöst.

Nicht minder gelungen, für das Orchester aber um einiges fordernder ist die vierte Sinfonie von Tschaikowski, entstanden in einer Krisenzeit des Komponisten. Kurz vor Aufnahme der Arbeit hatte dieser einen Selbstmordversuch unternommen. Tschaikowskis scheinbarer Sentimentalität gebot das Orchester Einhalt, stellte seine melodische Erfindungskraft und die überaus farbige Instrumentierung heraus. So erfuhr man auch vom Sinn für musikalische Leichtigkeit dieses russischen Meisters, der sich nicht nur zwischen Schicksalsschwere und vager Hoffnung bewegte. Die Sehnsucht nach dauerhaftem Glück führt gar zu einem übermütigen Scherzo, das die Philharmoniker in geradezu „swingenden“ Pizzicato darboten. Das berührend melancholische Andante erklang als singendes Vlies, berückend dicht im Ausdruck.

Opernhafte Breite, herrlich flirrende Streicher, animierte Bläser und kraftvolles Schlagwerk – die Leidenschaftlichkeit dieser Sinfonie fand eine vorzügliche Umsetzung und hätte ihren überwältigenden Eindruck ohne die Zugabe noch besser entfalten können. (flx)

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