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Ulm

07.05.2015

Licht in die dunkle Welt des Stadtarchivs

Uralt und wertvoll: Eine Urkunde von Bischoff Hartmann V. von Dillingen mit Siegel (rechts) aus dem Jahr 1265.
Bild: Dagmar Hub

5000 Dokumente und keine Inventarliste: Nun soll der alte Schatz erforscht werden

Ulm „Wie eine Wunderkammer“ sind die knapp 5000 reichsstädtischen Urkunden, die das Stadtarchiv Ulm verwahrt, sagt dessen Leiter Michael Wettengel. Was genau in diesem riesigen Urkundenbestand belegt ist, weiß auch im Stadtarchiv niemand: Über die Inhalte dieser Archivalien gibt es nur Erschließungszettel, die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – größtenteils vom damaligen Stadtarchivleiter Max Huber – angefertigt wurden. Nun hat der Ulmer Kulturausschuss die Erschließung, Digitalisierung und Bestandserhaltung dieses Kulturguts beschlossen – in einem gemeinsamen Projekt mit weiteren Kulturgütern des Ulmer Museums und der Stadtbibliothek.

Die Bestände des Ulmer Stadtarchivs blieben weitgehend von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont, Inventarlisten und Erschließungsinformationen gingen dagegen fast komplett verloren. Die nach Kriegsende rasch vorgenommene Notinventarisierung ist fehlerhaft, in vielen Fällen liegen gar keine Erschließungszettel vor, zumal Archivalien später aus der damals französisch besetzten Zone zurückkamen. „Wir haben ein massives Erschließungsdefizit“, resümiert Wettengel.

Eine Gesamtsumme von insgesamt 486000 Euro wurde für drei Vorhaben von Stadtarchiv, Ulmer Museum und Stadtbibliothek für die Jahre 2016 bis 2018 beantragt, die vom Kulturausschuss abgesegnet wurden. Die reichsstädtischen Urkunden sollen als Kulturgut der Öffentlichkeit zugänglich und nutzbar gemacht werden. „Es handelt sich hier um ein Folgeprojekt“, erklärt Wettengel. In den Jahren 2011 bis 2015 konnten Archivalien, bei denen dringender Handlungsbedarf bestand, restauriert werden; Ulmer Patrizier-Archive erschloss zuvor zwischen 2009 und 2011 der Historiker Stefan Lang. Für das aktuelle Projekt wird das Stadtarchiv einen Spezialisten benötigen, der die reichsstädtischen Urkunden von den ersten Zeugnissen des 9. und 10. Jahrhunderts bis 1810 lesen kann. Paläografische Kenntnisse sind hierfür genauso erforderlich wie solche des Mittelhochdeutschen und der lateinischen Sprache. „Bei der Erschließung werden Erkenntnisse zutage kommen, die unser Bild auf die Stadtgeschichte verändern werden“ vermutet der Stadtarchivleiter. Während des Erschließungsprojekts der Patrizierakten stellte sich beispielsweise heraus, dass das Ulmer Rathaus einige Jahre älter ist als bislang vermutet.

In den Archivalien sind häufig Besitzveränderungen beurkundet. So verkaufte laut einer der Urkunden im Jahr des Beschlusses zum Münsterbau - 1376 - Chunrat Huntfuss das Erbe seiner Mutter Anna Besserer. Aber auch zahlreiche Ablassbriefe – teilweise aus der Zeit vor dem Münsterbau – sind erhalten, darunter einer, der sich noch auf die 1376/77 abgebrochene alte Pfarrkirche „ennet velds“ bezieht und von den Kardinälen von Avignon mitbesiegelt wurde. Neben den Urkunden der Reichsstadt geht es im aktuellen Projekt auch um die Reformationsakten, deren Erschließung für das bevorstehende Reformationsjubiläum 2017 von Bedeutung ist.

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