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Ulm

09.12.2018

Linie 2 ist gestartet: Ulm wie es fährt und singt

Die neue Straßenbahn im Feierbetrieb: Die Band Papi’s Pumpels sorgte an Bord für Stimmung. Rund 8300 Fahrgäste mehr pro Tag werden künftig auf sichere, bequeme und saubere Mobilität setzen.
Bild: Thomas Heckmann

Trotz kleiner Mängel, die Ulmer lieben ihre neue Linie 2. Tausende stürmten die Sonderfahrten der Züge.

Am Samstag war es endlich soweit: Die erste Straßenbahn fuhr auf der Linie 2 durch Ulm. Gefeiert wurde mit einem Festakt und Aktionen entlang der Haltestellen. Und die Menschen scheinen begeistert zu sein von der neuen Angebot der Elektromobilität. Mehr Bilder dazu gibt es hier:

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24 Bilder
Startschuss für die neue Linie 2 in Ulm
Bild: Alexander Kaya


Sonderfahrt, prangt dick auf der Leuchtanzeige der neuen Linie 2. Ein winterliches Blumendekor aus roten Rosen, kleinen Beeren und viel Grün schmückt die blaue Straßenbahn mit der Nummer 54. Auf ihrem Dach zwei kleine Fähnchen, die hektisch im Wind flattern. Es ist eisig kalt, die Mitarbeiter sind in Schal und Handschuhen gemummelt, über den dicken Jacken tragen sie neongelbe Westen. In der Hand Flyer mit dem heutigen Programm. Im Führerhaus steht Jürgen Späth. Der Projektleiter der Fahrzeugbeschaffung ist schon vor allen anderen Gästen hier. „Es ist für mich die Krönung, die Bahn, die man selbst beschafft hat, jetzt fahren zu dürfen“, sagt Späth. Seit 2011 ist er mit dem Projekt betraut, das ihn, wie er sagt, viel Mühe und Schweiß gekostet hat. Heute sitzt er zur Abwechslung nicht im Büro, sondern hinter dem Steuer „seiner“ Linie 2. Auch, wenn er sich auf die erste Fahrt freut, die nächsten Wochen braucht der Projektleiter erst mal zum Durchatmen. „Die Arbeitsintensität hat sich ins Unendliche gesteigert, aber jetzt ist es endlich geschafft“, sagt Späth erleichtert.

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Auch Ivo Gönner war an Bord der ersten Linie 2

Eine Verschnaufpause ist ihm heute aber nicht vergönnt, denn plötzlich wird es laut. Ein Blick aus der Bahn verrät: Die ersten Gäste, unter ihnen Ivo Gönner, der ehemalige Oberbürgermeister von Ulm, sein Nachfolger Gunter Czisch und Verkehrsminister Winfried Herrmann, sind im Anmarsch. Die Prominenz bricht auf zu ihrer ersten Fahrt der Linie 2. Und der Andrang ist riesig. Es schleicht sich das Gefühl ein, man säße an einem hektischen Montagmorgen in einer rappelvollen Straßenbahn. Wenn da nicht, zwischen den eng gedrängten Fahrgästen, immer wieder ein Kameramann stehen würde. Als sich jeder sicher ist, mehr Leute passen nun wirklich nicht mehr rein, hievt ein Mann im rosa Hemd eine Gitarre in den Waggon. Seine Band-Kollegen folgen ihm. „Papis Pumpels“ betreten die Bahn. An ihrem Song „Verlass dich drauf“ ist wohl kaum ein Ulmer vorbeigekommen. Die Schlagerband wurde von den Stadtwerken angesprochen und hat daraufhin den Song zur Werbekampagne der Linie 2 komponiert. Fast zeitgleich mit dem ersten Ruckeln der Nummer 54 klingt ein „Herzlich willkommen auf der Jungfernfahrt der Linie 2, liebes Partyvolk“ aus dem Mikrofon des Frontsängers Rainer Vollmer. Trompete, Saxophon und Posaune klingen durch die Bahn. Und die Fahrgäste klatschen und schunkeln eifrig mit. Dagmar Engels, die Leiterin der Ulmer Volkshochschule und SPD-Stadträtin, genießt den historischen Moment. „Können Sie ein Foto von uns machen?“, fragt sie freudig eine junge Frau. Und lächelt dann neben ihrem Mann in die Kamera. „Es ist typisch Ulm, nicht protzig, sondern fröhlich und nah an den Bürgern. Die Reden waren kurz und jetzt fahren wir alle zusammen Straßenbahn“, sagt sie gut gelaunt.

Auf einem Seitensitz, ihr quer gegenüber hält Ivo Gönner ein Schwätzchen mit dem Kameramann neben ihm. „Es haben so viele Menschen unter der Baustelle leiden müssen, so ein Fest ist da einfach angemessen“, sagt der langjährige OB von Ulm. Besonders freut er sich aber darüber, dass die neue Linie die Bürger dazu einlädt, Mobilität zu kombinieren. „Man kann einmal mit dem Auto fahren, dann nimmt man wieder die Straßenbahn oder doch das Fahrrad“, erklärt er. Langsam nähert sich die Linie 2 wieder ihrem Startpunkt bei den Stadtwerken.

Die Prominenz steigt aus, die Bürger steigen ein. Leer, wird die Bahn heute wohl nicht mehr werden. Kein Wunder, schließlich kann auch den ganzen Tag umsonst mitgefahren werden. Gertraud Schulze steht mit einem Fotoapparat an der Haltestelle. Die Rentnerin ist begeistert. „Die Verbindung ist einfach toll. Jetzt esse ich erst mal was mit meiner Freundin und dann fahren wir auch mit der Bahn“, freut sie sich. Das schlechte Wetter ist ihr da egal. „Es regnet ja nicht und selbst wenn, dann wären wir trotzdem gekommen“, sagt sie bestimmt.

Entlang der Strecke zwischen dem Schulzentrum am Kuhberg und der Wissenschaftsstadt am Eselsberg werden verschiedene Aktionspunkte zu dem Thema „Mobilität von morgen“ angeboten. Am Ehinger Tor zieht vor allem der Imbiss T. Schröder die Leute an. Auch wenn der Wind den Besuchern eisig um die Ohren pfeift: Wer einen Platz in der heiß begehrten Linie 2 ergattern will, muss bereit sein zu warten. An den Haltestellen können gar nicht alle mit, die einsteigen wollen. Und irgendwie will auch keiner mehr aussteigen. Cornelia Posch hat schon eine Runde gedreht. Jetzt steht sie an einem der weißen Stehtische und hat sich mit roter Wurst und Pommes eingedeckt. „Mir ist aufgefallen, dass es hinten in der Bahn keine Möglichkeiten gibt, um sich festzuhalten. Aber ich denke, das lässt sich nachbessern. Davon abgesehen finde ich die neue Linie super, die haben wir gebraucht“, sagt sie. Die Kienlesbergbrücke ist für sie übrigens das neue Wahrzeichen von Ulm.

Der Andrang nimmt auch gegen Mittag nicht ab. Sehr zur Freude von Holger Tinz. Er sitzt auf dem Beifahrersitz des weißen Elektroautos mit der grünen Aufschrift „Conficars“ und erklärt gerade einem jungen Mann das Carsharing-Modell. „Hier, an der Haltestelle Eselsberg Hasenkopf, ist schon was los. Auch, wenn mehr Leute mit der Bahn fahren, statt auszusteigen“, sagt er. Mit der Organisation des heutigen Tages ist er aber zufrieden. Das sieht Petra Rieger anders. Im Martin-Luther-Haus spielen zum Aktionstag die „Flugfische“ und es gibt reichlich selbst gebackenen Kuchen. Die Kirchengemeinderätin hätte sich einen größeren Andrang erhofft.

„Wir haben keine Plakate oder was anderes, dass man von der Haltestelle aus sieht, wo das Event stattfindet. Das wäre Aufgabe der Organisatoren gewesen. Aber so ist einfach nicht viel los hier“, sagt sie.

Als es gegen halb fünf langsam dunkel wird, leeren sich die Haltestellen zumindest ein bisschen. Auch, wenn ein Sitzplatz in der Straßenbahn immer noch nicht in greifbare Nähe rückt, beim Stehen muss man wenigstens keine Angst mehr haben, einen Ellenbogen ins Gesicht zu bekommen. Die erste Jungfernfahrt hat die Linie 2 erfolgreich überstanden. Es ruckelte und zuckelte manchmal arg auf der Linie. „Das ist wie mit guten Schuhen: Die müssen noch eingelaufen werden“, erklärt ein SWU-Mitarbeiter. Jetzt kann der reguläre Betrieb kommen.

Die Ulmer sind auf jeden Fall begeistert und man ist sich einig, drei Jahre Bauzeit, zwei Millionen Arbeitsstunden und zahlreiche Sperrungen haben sich gelohnt. Und auch die Initiatoren dürften zufrieden sein: Das Mammutprojekt war eine Punktlandung.

Und die Autofahrer müssen sich noch noch an die neuen Gleise gewöhnen: Freitagnacht war der Straßenbahnverkehr für etwa eine Stunde lahmgelegt. Eine 39-jährige Autofahrerin hatte den Straßenverlauf in der Römerstraße falsch eingeschätzt. Auf Höhe der Haltestelle Grimmelfinger Weg fuhr sie in den neuen Schienentrakt der Straßenbahn. Das grub sich in das Kiesbett und konnte ohne Hilfe nicht mehr weiterfahren. Nachdem der Wagen herausgezogen worden war, konnte die Straßenbahn wieder fahren. Ein Sachsachen entstand nicht.

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