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Konzert

27.04.2016

Lobpreis im Tangorhythmus

Vereint im Lobpreis Mariens: der Oratorienchor Ulm mit Solistin Katarzyna Jagiello (vorne Mitte) und Bandoneonspieler Mario Stefano Pietrodarchi (vorne rechts).
Bild: Dagmar Hub

Oratorienchor führt in der Pauluskirche das „Magnificat“ des Argentiniers Martín Palmeri auf

Tango-Nuevo-Klänge hört man nicht oft in Deutschland, und noch seltener hört man sie als geistliche Musik. Der Oratorienchor unter Leitung von Thomas Kammel brachte – erstmals in Ulm – Martín Palmeris 2012 in Mailand uraufgeführte Vertonung des „Magnificat“, des Lobpreises Marias an Gott nach der Verkündigung der Geburt Jesu, zu Gehör. Besonders authentisch wirkte das Konzert in der ausverkauften Pauluskirche dadurch, dass der international gefeierte argentinische Komponist selbst den Klavierpart übernahm. Zwei Zugaben am Ende des fast zweistündigen Konzerts und Standing Ovations sprechen für sich: Mit dem Mut auch zum Außergewöhnlichen ist der Oratorienchor auf dem richtigen Weg.

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Palmeri pur: Vorab gab es dessen viersätziges Orchesterwerk „Sobre las Cuatro Estaciones“ mit dem renommierten Bandoneonspieler Mario Stefano Pietrodarchi im Mittelpunkt und einem zum Tango-Orchester umfunktionierten Stuttgarter Ensemble Musica Viva. Pietrodarchi litt optisch und physisch mit der Leidenschaft der vier Sätze Palmeris über die vier Jahreszeiten, bewegte sich mit dem ganzen Körper und seiner Mimik in der wechselhaften Melancholie, Sanftmut und Wildheit der Musik um die vier Jahreszeiten mit.

Martín Palmeri verbindet Stilmittel des argentinischen Tangos mit dem künstlerischen Anspruch moderner Musik. Dass das auch im sakralen Bereich möglich ist, zeigte sein „Magnificat“. In lateinischer Sprache gesungen, machte die spanische Übersetzung im Programmheft neugierig, wie die elf Teile des Werkes in Palmeris Sprache geklungen hätten.

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Wuchtig, präzise und von Thomas Kammels Handschrift geprägt agierte der Oratorienchor auf eindrucksvolle Weise, setzte klangliche Akzente, zeigte sich erneuert und für große Auftritte bereit. Die Abstimmung mit den beiden Solistinnen Katarzyna Jagiello (Sopran) und Kinga Dobay (Mezzosopran) wirkte perfekt, und auch bei diesen beiden früheren Mitgliedern des Opernensembles des Theaters Ulm hätte man sich gewünscht, sie dort wieder auf der Bühne zu erleben. Jagiello präsentierte sich enorm kraftvoll und selbstbewusst mit strahlendem Sopran im Part der Maria, Dobay fügte sich so perfekt in die südamerikanische Dramatik ein, als ob sie Marias Cousine Elisabeth wäre. Eindrucksvolle, hoch emotionale Klangbilder schafft die Welt des argentinischen Tangos, der seit 2009 zum immateriellen Kulturerbe gehört, aus dem lateinischen Text. Wunderschön gelangen die Partien, in denen sich Solistinnen und Chor ergänzten – es verwundert nicht, dass Kammel als letzte Zugabe jene Chor- und Duettpartie wählte, in der „omnes generationes“, alle Generationen, Maria selig preisen. Gerade diese temporeichen, rhythmisch spannenden Momente des Werkes haben das Zeug zum Ohrwurm, der auch am nächsten Tag noch im Zuhörer nachklingt.

Herzlicher Moment bei der Zugabe

Ein sympathischer Zug am Ende: Die Solistinnen haben ihre Noten nach der Zugabe Pietrodarchis bereits in der Garderobe gelassen, die ersten Zuhörer stehen auf, als sich Kammel spontan entschließt, den Jubel mit der Wiederholung des dritten Teils des „Magnificat“ zu belohnen. Viel Gelächter gibt es, bis alle wieder auf ihren Plätzen sind und – hoch konzentriert – noch einmal singen. Aber gerade solche Momente holen ein Konzert aus dem normalen Ablauf heraus.

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