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Neu-Ulm

09.04.2021

Mails an Söder und Spahn: Das Theater Neu-Ulm meldet sich zu Wort

Claudia Riese und Heinz Koch betreiben das Theater Neu-Ulm. Der Lockdown legt momentan alle Pläne auf Eis.
Foto: Dagmar Hub

Plus Das Theater Neu-Ulm wendet sich an die große Politik - mit dem Wunsch nach Perspektiven. Die Theater-Chefs bieten an, bei der Suche nach Lösungen zu helfen.

Die E-Mail richtet sich, direkt und ohne Umweg, an die große Politik: "Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Söder!" Adresse: die bayerische Staatskanzlei. Und der Absender? Das Theater Neu-Ulm. Die kleine Bühne am Petrusplatz wendet sich mit einem Schreiben an den Mann an der Macht in München - Betreff: Seine Corona-Politik. Und es ist nicht die einzige E-Mail, die Heinz Koch und Claudia Riese in den vergangenen Wochen an wichtige Entscheidungsträger geschrieben haben. Sogar bis zur Bundesebene. Das Anliegen der beiden Theater-Chefs: Sie wünschen sich ein politisches Signal für die Zukunft der Theater, die jetzt im Lockdown lange brachliegen. Sie pochen auf Aussichten, auf konkrete Pläne für den Neustart, Hoffnung auf Spielbetrieb - und sie bieten an, bei der Suche nach Lösungen zu helfen.

Das Theater Neu-Ulm will an Öffnungs-Ideen arbeiten

"Uns ist der Geduldsfaden gerissen", erklärt Koch. Seit November ruht das Spielprogramm und auch der bundesweite Stufenplan bringt gerade keine Erleichterung. Doch statt Gerichtsprozesse zu bemühen oder Eilanträge durchzuboxen - schreibt Koch Mails. Sein Theater ist eine kleine Profi-Bühne, die auch der Freistaat fördert. In seiner Mail klärt Koch den Ministerpräsidenten auf: "Wir versorgen seit 27 Jahren die bayerische Provinz in unmittelbarer Nähe zu Baden-Württemberg mit darstellender Kunst." Und dann unterbreitet der Theater-Chef dem Landes-Chef ein Angebot. Die Mail soll eine Bewerbung sein, für ein Modellprojekt zur Öffnung - Titelvorschlag: "Theater muss sein".

Funktionieren könnte der Öffnungs-Plan mit Corona-Tests für das Publikum, vor und auch nach der Aufführung, so erklärt es Koch. Eine neue, leistungsstarke Lüftung habe sein Theater längst eingebaut und die Sitzreihen im Saal stark ausgedünnt. Im schmalen Foyer haben sie die Sitzgelegenheiten abgebaut. "Das Theater Neu-Ulm hat ein ausgefeiltes Hygiene-Konzept", schreibt Koch. Es sei 2020, zwischen den beiden Lockdowns, erprobt worden. Es habe sich bewährt.

Theater-Krise: Koch und Riese schreiben an Markus Söder

Als Koch an Söder schrieb, am 23. März, da dümpelte die Sieben-Tages-Inzidenz im Kreis Neu-Ulm noch deutlich unter 50. Doch zwischen damals und heute liegen zerbrochene Stufenplan-Hoffnungen, wackelnde Modellversuche in Tübingen, angekündigte und abgesagte Osterruhen sowie Fallzahlen, die vor den Ferien in die Höhe kletterten. In diesen Turbulenzen belastet Koch vor allem die Unberechenbarkeit, unter der die Kulturszene leidet. Eines betont Koch im Gespräch mit der Redaktion trotzdem immer wieder mit Nachdruck: "Wir möchten die Pandemie nicht leugnen." Er sei selbst ein sehr vorsichtiger Mensch und erkenne die großen Gefahren des Virus. Aber zumindest ein offenes Ohr der Politik wünscht er sich, für Bemühungen um intelligente Lösungen.

Im Brief an Söder schreibt Koch weiter: "Der Gedanke, dass Theater der seelischen, geistigen und körperlichen Gesundheit dient, ist erwiesen." Denn schon in den 90er-Jahren, als keine Pandemie in Sicht war, hatte Koch eine Idee samt Slogan entwickelt: "Theater auf Krankenschein". Was wie ein Scherz klingt, und Koch mit etwas Schalk formuliert, hat für die Theater-Macher einen ernsten Kern. Auf ihrer Webseite präsentieren sie eine Dokumentation von Links, Artikeln, Verweisen auf Studien, die eines belegen sollen: Theater tut nicht nur der Seele gut, sondern auch der Gesundheit. Grund genug für Koch, eine Brücke zwischen Gesundheitspolitik und Theater zu schlagen. Und so begann sein nächster Brief vom 2. April, konsequent mit dieser Anrede: "Sehr geehrter Herr Minister Jens Spahn!"

Theater Neu-Ulm wendet sich an die große Politik

Im Schrieb an den Bundesgesundheitsminister legt Koch seine Idee dar, die vor Jahren entstand. Dass Kultur und Gesundheit eng zusammenspielen - damals stieß der Gedanke auf wenig Beachtung in der Politik. Und passt die Idee in diese Krise? "Theater auf Krankenschein" in der Pandemie? Wenn die dritte Welle kaum berechenbar anrollt und alle Zeichen auf Lockdown stehen? Für Riese und Koch steckt hinter ihren Noten an die Politik zumindest keine verfrühte Sommerloch-Geschichte. Sie wollen die Systemrelevanz des Theaters belegen - mit rationalen Argumenten. "Wir betonen ausdrücklich, dass wir keinesfalls für unsere Bühne allein sprechen", erklärt Koch. Er spreche für die Menge der Künstler, die ihren Beruf gerade nicht ausüben können. Und auch der Deutsche Bühnenverein hatte Ende Februar seinen eigenen Entwurf für einen Öffnungsplan entwickelt.

Söder, Spahn, es geht aber auch eine Nummer kleiner. Am 25. März richtete Koch seine Fragen an den Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger: "Gibt es Chancen ? Gibt es eine Perspektive?" Immerhin, Freudenberger habe sich bei ihm gemeldet, sagt Koch. Auch ein Gespräch mit dem Neu-Ulmer Kulturamt konnte er organisieren und aus München kam letztens Post: Die Mail an Söder sei jetzt an das zuständige Fachreferat im Wissenschaftsministerium weitergeleitet - schreibt die Servicestelle der Regierung. Mit der Bitte um Geduld.

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