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Ulm

24.04.2020

Medizinstudenten aus Ulm kümmern sich um Menschen ohne Krankenversicherung

Bei Medinetz Ulm engagieren sich vor allem Medizinstudenten. Sie geben den Patienten ohne Krankenversicherung Ratschläge, begleiten sie zum Arzt und setzen sich auch politisch für deren Versorgung ein.
Bild: Alexander Kaya

Plus Ulmer Medizinstudenten vom Verein Medinetz betreuen Menschen ohne Krankenversicherung. Wie die Corona-Krise ihre Arbeit verändert und welche Forderungen sie für die Zeit danach haben.

Die Coronavirus-Pandemie legt die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems gnadenlos offen, das beobachten die Ehrenamtlichen von Medinetz Ulm. Der studentische Verein betreut und berät Kranke ohne Krankenversicherung, begleitet sie zum Arzt und übernimmt Behandlungskosten – soweit das eigene, auf Spenden basierte Budget reicht. Und so absurd das klingt: Keine Krankenversicherung hat aus deutscher Sicht manchmal sogar jemand, der eigentlich sehr wohl versichert ist.

Frau bekommt Nachweis für Krankenversicherung nicht

Maren Woestmann, die dem dreiköpfigen Vorstand von Medinetz Ulm angehört, erzählt von einem solchen Fall: Da sei eine Frau, EU-Bürgerin, die hier lebt. Sie sei krank geworden, habe Hilfe gebraucht. Doch einen Nachweis über ihre Krankenversicherung habe sie nicht bei sich gehabt. Bei der Versicherung in ihrer Heimatregion aber arbeite derzeit fast niemand – wegen der Corona-Pandemie liege das Leben dort praktisch still. Die Patientin bekam nur mit großer Verzögerung den Nachweis und ohne den hartnäckigen Einsatz von Medinetz hätte die Patientin keine ärztliche Behandlung bekommen.

Maren Woestmann arbeitet für Medinetz.
Bild: Medinetz

Keine Schutzausrüstung für Ehrenamtliche

Rund 60 Mitglieder hat Medinetz Ulm, zwischen zehn und 25 engagieren sich im Durchschnitt aktiv. Ihre Arbeit hat sich stark verändert. Üblicherweise bietet Medinetz alle 14 Tage eine Sprechstunde im DRK-Übernachtungsheim in der Frauenstraße an. Doch die fällt seit Mitte März aus. Sobald es möglich ist, soll das Angebot wieder aufgenommen werden. Mit Sicherheitsabstand zu den Patienten und dem Hinweis, dass jeder mit Corona-Symptomen anrufen und nicht vorbeikommen soll. Medinetz hat keine Schutzausrüstung für die Ehrenamtlichen.

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Hilfe gibt es telefonisch und per Mail

Üblicherweise begleiten die Aktiven von Medinetz, in der Regel Medizinstudenten der Uni Ulm, ihre Patienten zum Arzt. In der Anfangszeit der Pandemie fanden diese gemeinsamen Besuche noch vereinzelt statt. Mit ausreichendem Abstand und unter der Voraussetzung, dass keiner der beiden Corona-Symptome zeigte. Doch auch das fällt aus. Stattdessen läuft nun alles telefonisch und per E-Mail: Wer die Hilfe des Vereins sucht, kann sich auf diesen Wegen melden.

Die Hürde sei für die größer, die schlecht Deutsch sprechen

Paul Nickel, Vorstandskollege von Maren Woestmann, sieht darin ein Problem: „Ich denke, dass das die Hürde für manche Leute noch einmal hebt“, sagt er. Er habe das Gefühl, dass die Zahl der Anfragen zurückgegangen sei. Mit Sicherheit belegen lässt sich das nicht, denn die Patientenzahlen bei Medinetz schwanken stark. Die Hürde sei jetzt vor allem für diejenigen größer, die schlecht Deutsch sprechen.

Paul Nickel ist im Vorstand von Medinetz.
Bild: Medinetz

In manchen EU-Ländern gibt es keine Pflichtkrankenversicherung

Viele Medinetz-Patienten kommen aus dem Ausland. Sie sind EU-Bürger, die hier leben, aber nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. In manchen Mitgliedsstaaten der Union gibt es keine Pflichtkrankenversicherung. Und wer sich in Deutschland freiwillig krankenversichern möchte, muss vorher für eine bestimmte Zeit versichert gewesen sein. Diese Bedingungen können nicht alle EU-Ausländer erfüllen. Andere Medinetz-Patienten halten sich hier illegal auf und sind deswegen nicht versichert, wieder andere sind Deutsche mit hohen Schulden bei ihrer Krankenversicherung oder Deutsche, die schlichtweg nicht versichert sind. Auch hierzulande war der Schutz nicht immer vorgeschrieben. Manche Menschen sind deswegen schlicht durchs Raster gefallen.

Offener Brief an die Landesregierung

Derzeit bereiten die Medinetze in Baden-Württemberg einen offenen Brief an die Landesregierung vor. Sie fordern einen anonymen Krankenschein für die Zeit der Pandemie. Mit diesem könnten auch Menschen ohne Krankenversicherung behandelt werden, die Kosten übernähme ein eigens eingerichteter Fonds. In Thüringen gibt es diese Möglichkeit bereits. „Das System sollte für alle Menschen ohne Krankenversicherung da sein“, betont Maren Woestmann. Paul Nickel hofft, dass die momentane Situation der Forderung zusätzlichen Nachdruck verleiht.

Es soll eine Stelle in Ulm dafür errichtet werden

Die Aktiven wollen nach der Krise auch an die Stadt Ulm herantreten. Der Ende 2019 neu gewählte Vorstand aus den Medizinstudenten Woestmann, Nickel und Charlotte Daub will eine Idee konkret ausarbeiten: Eine Clearingstelle soll sich darum kümmern, dass Menschen ohne Krankenversicherung eine solche bekommen können. Die Stadt München hat im Oktober 2018 beschlossen, dass sie eine solche Einrichtung finanzieren wird. In Berlin gibt es ein entsprechendes Angebot bereits. In beiden Städten haben die Entscheider beispielsweise festgestellt, dass viele der Schutzlosen einen Anspruch auf Versicherungsleistungen haben. Doch die bürokratischen Hürden seien zu hoch.

"Die Leute kommen erst, wenn das Haus schon brennt"

Wer die Hilfe von Medinetz Ulm sucht, hat sie meist dringend nötig. „Bei uns kommen die Leute in der Regel nicht mit einem Schnupfen, sondern erst, wenn das Haus schon brennt“, sagt Maren Woestmann. Vorstandskollege Nickel ergänzt mit Blick auf mögliche Corona-Patienten: „Wenn sie zu uns kommen, wären sie wahrscheinlich intensivpflegebedürftig. Und das wäre außerhalb unserer finanziellen Möglichkeiten.“ Schon jetzt können die knappen Finanzen die Ehrenamtlichen in Schwierigkeiten bringen. „Manchmal hängt es von unserem Kontostand ab, ob wir eine Behandlung finanzieren können“, sagt Nickel.

Dass derzeit alle Veranstaltungen ausfallen, vergrößert die Sorgen. Bei der Ehrenamtmesse im Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Haus oder beim Festival contre le Racisme in Ulm hatte Medinetz oft neue Unterstützer gefunden – aktive Mitglieder sowie Fördermitglieder. Letztere sind für den Verein aus finanzieller Sicht entscheidend - und sie verleihen den Ehrenamtlichen politisches Gewicht „In diesem Jahr sind wir noch mehr darauf angewiesen als sonst“, sagt Paul Nickel.

Kontakt und Informationen zu Fördermöglichkeiten gibt es hier, telefonisch unter 01577/0377991 oder per E-Mail: kontakt@medinetz-ulm.de.

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