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Augsburg/Neu-Ulm

31.01.2019

Mesale Tolu: "Im Unrechtsstaat Türkei muss man Stellung einnehmen"

Die 34-Jährige war 2017 mehrere Monate in der Türkei in Haft. Ihr wird Terrorpropaganda vorgeworfen. "In diesem Unrechtsstaat muss man Stellung einnehmen und ein Zeichen setzen."
Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Die Neu-Ulmerin Mesale Tolu kritisiert Erdogans Umgang mit Journalisten. Vor ihrem Urteil in der Türkei nimmt sie kein Blatt vor den Mund.

Mesale Tolu wird nicht müde, ihre Geschichte zu erzählen. Von dem Tag im April 2017 an, als morgens um 5 Uhr ein Sondereinsatzkommando vor der Tür ihrer Istanbuler Wohnung stand und sich "brutal" Einlass verschaffte. Von der dreieinhalbstündigen Razzia, die folgte und die ihr kleiner Sohn mitansehen musste. Sie erzählt, wie sie ihr Kind bei einer Nachbarin zurücklassen musste, weil sie für mehrere Monate in Haft kam – und wie sie diese acht Monate in einer Gemeinschaftszelle überstand. Obwohl sie das Gefängnis zwischenzeitlich verlassen durfte, wirft ihr die Türkei nach wie vor die Verbreitung von Terrorpropaganda und die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vor.

Zurück in Deutschland, will die gebürtige Ulmerin, die kurdische Wurzeln hat und in Istanbul als Journalistin und Übersetzerin arbeitete, ihre Geschichte erzählen. In Augsburg berichtet sie bei einer Veranstaltung der Volkshochschule und des Friedensbüros der Stadt vor 140 Gästen von ihrem Schicksal, das so vielen anderen Menschen in der Türkei gleicht. Mutig nennen das einige Zuhörer, haltungsstark einige andere. Eine Frau will wissen, warum sie ihre Geschichte so detailliert erzähle, wo sie doch wisse, dass ihr Prozess in der Türkei bald fortgesetzt werde.

Tolu: Rund 180 Journalisten in der Türkei in Haft

Das ist nichts, was ihr Angst macht und wovon sie sich einschüchtern lassen will, betont Tolu. Im Gegenteil. "Hier in Deutschland werden die Menschenrechte angewandt. Für diese Rechte muss man auch Verantwortung übernehmen", betont sie. Die 34-Jährige will Verantwortung übernehmen. Mit ihren persönlichen Erlebnissen und Einschätzungen will sie aufklären und aufzeigen, dass diese Rechte ein schützenswertes Gut sind und dass diese nicht überall gelten.

Das Recht der freien Meinungsäußerung und das der Pressefreiheit etwa, das in der Türkei nach dem Putschversuch im Sommer 2016 durch Präsident Erdogan stark eingeschränkt wurde: Über 170 Medienorgane wie Zeitungen, Radiostationen oder Agenturen wurden geschlossen. Rund 180 Journalisten sitzen derzeit in der Türkei in Haft, so Mesale Tolu. In den vergangenen zwei Jahren müssen es nach ihren Angaben 500 bis 600 Medienschaffende gewesen sein, die zumindest zeitweise ins Gefängnis kamen. Diese Entwicklung habe aus der türkischen Medienlandschaft einen "Rosengarten ohne Dornen" gemacht.

"In diesem Unrechtsstaat muss man Stellung einnehmen und ein Zeichen setzen", sagt Mesale Tolu mit Blick auf die Türkei.
Bild: Federico Gambarini, dpa

Für die Journalistin eine "bedenkliche Situation", denn so gebe es keine einflussreichen regierungskritischen Medien mehr. "Es gibt natürlich schon kritische Seiten im Internet, die aber binnen kürzester Zeit geschlossen werden und einen Tag später wieder unter einem neuen Namen ans Netz gehen." Daneben fehle es unabhängigen Medien auch an den finanziellen Mitteln. "Seit der Wirtschaftskrise können sich viele kritische Zeitungen kein Papier mehr leisten."

Die eingeschränkten Arbeitsrechte von Journalisten in der Türkei prangert sie an. "In diesem Unrechtsstaat muss man Stellung einnehmen und ein Zeichen setzen", betont sie. Sie will der Türkei nicht den Rücken kehren und auch wieder dorthin reisen. Im Mai geht ihr Prozess weiter, der noch einige Verhandlungstage dauern wird. "Ich werde es von Fall zu Fall mit meinen Anwälten und mit meinem Mann besprechen, ob ich fahre", sagt sie. Ihr Mann Suat Corlu, der ebenfalls in der Türkei inhaftiert war, und sie werden nicht mehr gleichzeitig dorthin reisen. Jeweils ein Elternteil soll beim Sohn in Neu-Ulm zurückbleiben.

Bald soll ein Buch von Mesale Tolu erscheinen

Sie denkt nicht an das Damoklesschwert, das über ihr hängt: 20 Jahre Haft drohen ihr bei einer Verurteilung und hätten für sie eine Konsequenz. "Bei diesem Urteil könnte ich nicht mehr in die Türkei fahren." Sie denkt vor allem an das Unrecht, das ihr geschieht. Das treibt sie an.

Deshalb will sie ihre Geschichte so oft wie möglich erzählen. Bald auch in Schriftform: In wenigen Monaten wird ein Buch von ihr erscheinen.

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