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HIV-Infektion

03.04.2017

Michael Diederichs langer Kampf gegen die Pharmaindustrie

Michael Diederich (links) sammelt gemeinsam mit Freundin Lynn Sziklai Unterschriften, um auf den "Blutskandal" aufmerksam zu machen.
Bild: Andreas Brücken

Im Alter von acht Jahren wurde Michael Diederich durch eine Bluttransfusion mit dem HI-Virus angesteckt. Weil gespart wurde. 30 Jahre später könnte er endlich entschädigt werden.

Es grenzt an ein Wunder, dass Michael Diederich noch lebt. „Mit sechzehn haben mir die Ärzte gesagt, dass ich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte.“ Damals wollte er sich das Leben nehmen, erzählt der heute 41-Jährige. „Ich habe es aber wegen meinen Eltern nicht getan, weil ich ihnen nicht wehtun wollte.“ Diederich spricht ruhig über seine Lebensgeschichte: Mit acht Jahren wurde er als Bluter durch ein verunreinigtes Blutpräparat mit HIV und Hepatitis C infiziert – aus Kostengründen habe man die Präparate damals nicht erhitzt, erklärt Diederich. Die Diagnose teilten ihm seine Eltern aber erst mit zwölf Jahren mit. „Ich bin mit dem Tod aufgewachsen“, sagt er.

Die Verantwortlichen der Pharmaindustrie hatten laut Diederich darauf gesetzt, dass die meisten der Tausenden infizierten Patienten bald sterben und hohe Schmerzensgelder und Entschädigungen damit hinfällig werden würden, ist sich Diederich sicher. Doch allein von den beim „Blutskandal“ 1800 mit HIV infizierten Blutern leben heute noch 550 Menschen, während der Stiftungsfonds für die Schwerstgeschädigten in diesem Jahr schon vollkommen ausgeschöpft ist.

Der Bund will für die Opfer des Blutskandals zahlen

Unter dem Titel „Blutskandal“ wollen Betroffene auf diese Tatsache aufmerksam machen, auch Diederich beteiligt sich daran. Seine Freundin Lynn Sziklai unterstützt ihn dabei: Sie pflegt die Homepage, gestaltet Informationsbroschüren oder organisiert öffentliche Auftritte, bei denen die beiden für eine Petition Unterschriften sammeln. Sie fordern unter anderem eine Neugestaltung der Unterstützung zu einer rentenähnlichen Entschädigung für die Überlebenden, die durch Blutprodukte infiziert wurden.

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Die Hoffnung, dass es von der Pharmaindustrie in irgendeiner Form Hilfe bekommen könnte, hat das Paar, das in Wiblingen wohnt, bereits aufgegeben. Das sei ein Kampf gegen Windmühlen, sagt Sziklai: „Die betroffenen Unternehmen haben sich neu gegründet oder umstrukturiert, sodass es keine verantwortlichen Ansprechpartner mehr gibt.“ Stattdessen suchen Sziklai und Diederich Hilfe in der Politik. Unzählige Stadträte und Bundestagsabgeordnete haben sie angeschrieben – jetzt können die beiden einen Erfolg in ihrem jahrelangen Kampf feiern: Der Bund will für die Betroffenen zahlen. Er beteiligte sich zwar bisher schon an der Stiftung, doch nun soll den Opfern in einem neuen Gesetz die Hilfe lebenslang garantiert werden. Kostenpunkt: neun bis zehn Millionen Euro jährlich.

Sziklai freut sich zwar über diese Entwicklung, die seit den vergangenen 22 Jahren „noch nie so konkret war wie im Moment“, wie sie sagt. „Wir sind durch unsere Arbeit in der Öffentlichkeit für die Verantwortlichen in der Politik ungemütlich geworden“, sagt sie. Der Kreisverband Neu-Ulm der Grünen stellt das Thema „Blutskandal – Lassen Politik und Industrie die Opfer im Stich?“ in den Mittelpunkt einer Veranstaltung, die am Donnerstag, 6. April, um 19 Uhr im Café d’Art in Neu-Ulm stattfindet.

Aus den Reihen der Patienten komme dagegen nur spärliche Unterstützung, sagt Diederichs Freundin Sziklai. Sie vermutet, dass die Betroffenen jahrelang selbst von den Interessenverbänden eingeschüchtert wurden: „Viele scheuen sich aus Scham, in die Öffentlichkeit zu treten oder haben Angst davor, keine Zuschüsse mehr zu bekommen.“ Darum sei Aids eine Krankheit, die oft übersehen werde, sagt Diederich: „Die Medizin hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, sodass ein Aids-Kranker äußerlich nicht zu erkennen ist.“

Diederich kann keiner geregelten Arbeit nachgehen

Auch Diederich sagt, dass seine Lebenserwartung der eines gesunden Menschen entspreche. Seine Krankheit verhindere jedoch, dass er einer geregelten Arbeit nachgehen könne: „Ich kann nicht lange auf den Beinen sein und werde immer schnell müde.“ Untätig will Diederich deshalb jedoch nicht zu Hause sitzen bleiben – er engagiert sich ehrenamtlich in einem Pflegeheim oder spricht in Schulen über seine Krankheit. Gerade bei jungen Leuten hätte sich das Verständnis über Aids gründlich geändert, wie Diederich sagt: „Die Teenager können heute nicht verstehen, dass HIV-infizierte Menschen vor nicht einmal 30 Jahren aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden.“

In der Schule hatte sich Diederich ein Geflecht aus Geschichten und Lügen zusammengesponnen, um die häufigen Fehlzeiten zu rechtfertigen: „Ich hatte Angst, von der Schule geworfen zu werden, wenn rauskommt, dass ich HIV-positiv bin.“ Mit 21 Jahren hat er die Flucht nach vorne angetreten und erzählte seinen Freunden von der Krankheit. „Die haben alle mit viel Verständnis reagiert.“ Die Möglichkeit, frei leben zu können, sieht Diederich als Verpflichtung, zu kämpfen, wie er sagt. „Es geht um das Recht auf die Sicherheit, ein zumindest finanziell abgesichertes Leben führen zu können.“ mit dpa

Mehr Informationen und die Möglichkeit, sich für die Online-Petition einzutragen, gibt es im Internet unter www.blutskandal.de

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