Newsticker

RKI meldet 11.409 neu mit Corona Infizierte
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Mit dem „Ostwind“ in die Kälte

15.05.2015

Mit dem „Ostwind“ in die Kälte

Andrim Emini spielt in „Ostwind“ einen Stricher.
Bild: Dagmar Hub

Theater-Gastspiel im Ulmer Roxy

Mit dem Kino-Renner teilt dieses Theaterstück nur den Namen: Emre Akals „Ostwind“, auf die Bühne gebracht von Schauspielern des Theaterkollektivs „transit@stuttgart“, erzählt intensiv zwischen Bauzäunen von Leben in Deutschland am Rande der Gesellschaft. Im Fokus – innerhalb des Zaun-Quadrats – ließen Berivan Kaya und Andrim Emini im Roxy mit viel Energie recherchierte Splitter aus der Existenz von Menschen lebendig werden, die sich außerhalb der gedanklichen Absperrungen in diesem Land durchschlagen.

Die „Polin“ in der Altenpflege, die aus Bulgarien importierte illegale Prostituierte, der Stricher, der gar nicht schwul ist, die Putzfrau mit Jurastudium – sie alle wehte der Ostwind aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten nach Deutschland. Das Deutschland-Bild, das Zeitschriften und Gerüchte weckten, ließ träumen. Und träumen ist schön, aufwachen hässlich, resümiert Amara, die als Hure Monika pro Tag zehn Männer „bedient“. Mit Ekel, mit den Gedanken in einer Traumwelt, aber mit dem für Miete und Essen zu verdienenden Geld im Hintergrund. Vom gefährlichen Klang des Geldes erzählt „Ostwind“ am intensivsten, von zerstörten Hoffnungen, von verlorenen Existenzen. Von der Sehnsucht, sich selbst umzutauschen wie ein T-Shirt, das nicht gefällt. Von der zähen Fähigkeit, gegen alle Umstände zu überleben und neu zu beginnen.

Rosa sind die Träume, grau die Realität

Rosarot ist zwar das Kleid des Transvestiten, als der sich als junger Mann ausgibt, als „Heinzi“ ihm ein Zimmer anbietet. Rosarot ist der BH, in den er sich zwängt, rosarot sind die Träume der jungen Frauen aus dem Osten und die Herzchen-Kissen. Dieses Rosa steht in scharfem Kontrast zur Scham der Existenz des Lebens auf der Straße: der Geruch von Urin und Spermaresten in den U-Bahnhof-Klos, perverse Wünsche braver deutscher Familienväter und hoch bezahlter Konzernmanager in den Sex-Kabinen.

Die Alternativen: Die Altenpflegerin begreift, wie ein weißer Pudel an der Leine ihr gesellschaftliches Image verändert, die Putzfrau badet ihre Arme in Waschpulverlauge, um den Geruch der Tagesarbeit zu tilgen – während ihr Sohn gelangweilt vor dem Fernseher hängt und auf das Geld wartet, das Mama verdient. Existenzen von Menschen, die die EU-Erweiterung nach Deutschland spülte, zerschellen an den Scheinwelten. (köd)

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren