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Literaturwoche

26.06.2014

Mördergrube für Untote

J. M. Brandtner

Jürgen M. Brandtner in der Griesbadgalerie

Wenn Kunst Klänge erzeugt: Dafür ist die Ulmer Griesbadgalerie am Seelengraben 30 nach dem verjüngenden Stabwechsel im vergangenen Jahr sogleich eine gute Adresse geworden. Und wie gut die Akustik im „Kreuzgang“-Ambiente der Spätrenaissance trägt, offenbarte Jürgen M. Brandtners schwarzhumoriges Lesegastspiel bei der Literaturwoche: Seine Stimme gräbt die grausige Novelle mit szenischer Wollust aus. „Die Tante im Keller“, die spicken Pianist Siegfried Arnold und Sängerin Gabriele Fischer mit schaurig-schönen Chansons.

Brandtner ist von der Elektrotechnik auf Bühne und Buch gekommen. Doch der gebürtige Stuttgarter hat es noch nicht in die Wikipedia-Liga geschafft. Aber seine Blogs strotzen vor Resonanz - und machen aus dem Herzen über die Vorfreude auf sein Ulmer Erstlingsgastspiel keine Mördergrube. Hautnah am Ball gibt er sich auch am Lesepult im vollen Griesbad-Literaturgemäuer. Denn als Fabulierkünstler dramatisiert er seine Gedichte und Geschichten wie ein maurischer Märchenerzähler. Er gestikuliert, rollt die Augen, lässt Atempausen genüsslich knistern, um seine Stimme sogleich als Spannungs-Katalysator zu erheben: Literaturtheater bauscht sich auf mit abgründigen Limericks und diesen klassisch-makabren Langgedichten, die da beginnen, wo es beim „Humanmaterial“ aufhört: Beim letzten Gang. Auf dem Friedhof kann nur mittels wehrhaftem Kreuzschlüssel ein Toter tot bleiben. „Entleert von Blut, nur in den Augen brannte Glut“, ist der beste Schutz zur Geisterstund’ eine Liebeshymne auf Vampir Adele. Noch vor der Griesbad-Pause vergiftet eine Schulterbiss-Attacke den Italienern ihre Fußball-WM. Im freien Fall kommt bei Brandtner das makabre Aus für skurrile Eltern in ihrer eigenen Wunderöl-Presse.

Mord mutiert beim 52-jährigen Wahl-Fellbacher zur Königsdisziplin, wo Kind und Monster eine pechschwarze Einheit bilden, die Brandtner aber wie ein Märchenonkel zelebriert. Sein pointenreiches Hexeneinmaleins zündelt und brilliert mit Gänsehaut-Episoden aus seinem von Wedekinds „Tantenmörder“ inspiriertem Bucherstling „Meine Tante im Keller“, bei denen das Lachen per Mitmach-Trilogie einer „Publikumsverschwörung“ schon mal zur Gräte im Hals wird.

Gebraten und gemeuchelt wird auch in den Arnold-Songs mit jazzsensiblen Pianoballaden und fabelhaftem Chansonschliff: Glockenrein, seufzend, zartbitter und moritatensüß: Musicalstarke Kleinkunst - von der arbeitslos gewordenen U-Bahn-Mörderin bis zum vereinigten Klassikerfinale mit einem Refrain kundigen Thriller-Garauspoeten bei Georg Kreislers „Taubenvergiften im Park“. „Geben Sie acht“, dieses Trio, das kein Beifall umhaut, kommt sicher wieder.

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