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Stiftung Erinnerung

16.02.2015

Mühsamer Kampf gegen Vorurteile

Selda Karaduman

Wie islamfeindlich ist die Gesellschaft? Bei einer Diskussion im Stadthaus berichten türkischstämmige Ulmer über ihre Erfahrungen

Erinnerungsarbeit ist die ursprüngliche Aufgabe der Stiftung Erinnerung Ulm. Ganz der Gegenwartsaufgabe des Engagements für Menschenwürde widmete sich dagegen der zwölfte Stiftungsjahrestag im Stadthaus: Im Festvortrag wie in der anschließenden Diskussion ging es darum, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland zunehmend aus dem rechten Spektrum heraus in der bürgerlichen Mitte ankommt. Referentin Naima Cakir dozierte über das Thema ihrer Dissertation aus dem Sommer 2014, die Anatomie der Islamfeindlichkeit. Zwei türkischstämmige Ulmer, die seit Jahrzehnten in der Stadt leben und arbeiten, berichteten – moderiert vom ehemaligen DZOK-Leiter Silvester Lechner – über ihre Erfahrungen.

Die Wahrnehmung von „Bürgern“ und von „türkischen Mit-Bürgern“ ist trotz akademischer Bildung und etablierter Profession in vielen Köpfen unterschiedlich. Dass er schon in der Schule das Doppelte und Dreifache leisten musste, um Anerkennung zu bekommen, berichtete der 1963 geborene Ulmer Allgemeinarzt und Stadtrat Haydar Süslü, der sich seit seiner Jugend für Integrationspolitik engagiert. Drei Viertel seiner Patienten sind Deutsche, berichtete der Arzt, doch erlebe er mitunter bei Hausbesuchen auch eine erschreckende Attitüde der Abgrenzung. In der jüngeren Vergangenheit sei er bei Hausbesuchen gefragt worden, ob er „zu den Isis-Leuten“ gehöre, so der SPD-Politiker.

In ihrem persönlichen Leben habe sie bislang kaum negative Erfahrungen aufgrund ihrer Geburt in Anatolien gemacht, sagt Selda Karaduman, Vorstandsmitglied im türkischen Kulturverein Ditib und Sprecherin des Rats der Religionen. Seit zwei Jahrzehnten ist sie bei der Stadt Ulm angestellt. Das Gefühl aber, dass man nicht zur Gesellschaft gehöre, werde bisweilen bei Behördengängen und Arztbesuchen vermittelt, sagte sie.

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Extrem negativ seien jedoch die gemachten Erfahrungen beim Bau der Ditib-Moschee in der Herrlinger Straße. Sie habe in der Nachbarschaft der Moschee heftigen Widerstand erlebt. „Man hat uns das Gefühl sehr deutlich gegeben, dass man verjagt werden soll“, berichtete sie.

Die Eindrücke Selda Karadumans und Haydar Süslüs bestätigen die Thesen, die die Frankfurter Soziologin Naima Cakir vorher in einem umfangreichen Vortrag darlegte und unter anderem mit Titelbildern von Magazinen wie Focus und im Internet kursierenden Zitaten dokumentierte.

Solange die ersten Muslime in Deutschland (und anderen europäischen Ländern) als Gastarbeiter mit dem Etikett mangelnder Bildung und einer Existenz in Hinterhöfen belegt waren, wurden sie als Nicht-Integrierte „im inneren Ausland“ lebend wahrgenommen. Die Integration, die Bildung und der Wunsch nach Teilhabe und Mitverantwortung der Nachfolgegenerationen habe zu neuen Abwehrmechanismen und zu rassistischen abwertenden Etikettierungen geführt. „Die Aufwertung des Eigenen erfolgt durch Abwertung des Anderen“, erläuterte Naima Cakir. Islamophober Populismus und negativ-stereotype Fiktionen über Muslime legte sie als gesellschaftlich-sozioligisches Phänomen dar: Nach dem Ende des Kalten Krieges habe der Islam die frühere Rolle der Sowjetunion als Antithese des Westens bekommen, die dem Zweck der eigenen Identitätsstiftung diene. Auffällig: Je weniger Muslime in einem Land oder beispielsweise in den neuen Bundesländern leben, desto stärker sind die Überfremdungsängste. In den neuen Bundesländern haben 90 Prozent der Menschen keinen Kontakt zu Muslimen.

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